Markby betrachtete die Wände.
»Ich will verdammt sein«, sagte er.
»Oh, alles braucht ein wenig frische Farbe«, stimmte Janine ihm zu.
»Gott weiß, wann hier zum letzten Mal gestrichen wurde.«
»Zum letzten Mal gestrichen?« Markby drehte sich zu ihr um und lächelte.
»Ich würde sagen, um die Regency-Zeit herum oder höchstens kurz danach. Es ist genau, wie Sie gesagt haben, Janine, ungefähr die Zeit, in der Pride and Prejudice spielt. Dieses Rosa hier wurde üblicherweise dadurch erreicht, dass man Schweineblut in die Farbe gemischt hat.«
»Tatsächlich?« Wynne trat interessiert näher.
»Ich hatte noch gar nicht so genau hingesehen …« Sie betrachtete die Wand.
»Was für ein furchtbarer Gedanke!«, entfuhr es ihr plötzlich.
»Ich meine nicht das Schweineblut. Ich meine, dass jemand dieses Haus kaufen und alles mit modernen Farben übermalen könnte!«
»O Gott!«, rief Meredith.
»Wenn Sie mich fragen, wäre es besser so«, entgegnete Janine.
»Wollen Sie den Rest sehen?«
»Sie wollen die Treppe sehen!«, sagte Wynne laut, und wie als Echo auf ihre Stimme knallte irgendwo im Haus eine Tür oder ein lockerer Fensterladen.
Hier also war Olivia Smeaton gestorben. Allein. Hier hatte sie gelegen, vielleicht noch bei Bewusstsein, wenigstens zu Anfang, und unfähig, sich zu bewegen, bevor sie ohnmächtig geworden war. Zwei Tage und zwei Nächte lang, bevor sie am Montagmorgen von ihrer Haushälterin Janine gefunden worden war.
»Genau hier.« Janine zeigte auf die Stelle.
»Genau hier hab ich sie gefunden.« Sie standen schweigend dort und blickten hinunter auf die mit Kreide markierte Stelle am Fuß der Treppe. Meredith erschauerte. Alan sah die Treppe hinauf.
»Sie ist von dort oben irgendwo gefallen, sagen Sie?«
»Warten Sie, ich zeig’s Ihnen.« Janine polterte in ihren schweren Stiefeln die Treppe hinauf. Der durchgetretene Teppich lag immer noch dort.
»So alt wie kein Esel wird, wie alles andere in diesem Haus«, sagte Janine.
»Mrs Smeaton wollte nie etwas ersetzen. Nicht, dass sie kein Geld dafür gehabt hätte – sie sah die Notwendigkeit nicht ein. Nicht in meinem Alter, hat sie immer gesagt.« Sie beugte sich vor und deutete auf eine gebrochene Geländersprosse.
»Sie gehen davon aus, dass Mrs Smeaton gestolpert ist und nach dem Geländer gegriffen hat, um sich zu fangen. Das Geländer brach, und sie fiel Hals über Kopf die Treppe runter.« Janine setzte sich auf den ausgetretenen Läufer.
»Und alles wegen den alten Pantoffeln! Ich hab ihr gesagt, dass sie sich neue kaufen soll, und sie hat tatsächlich welche bestellt, aber es war zu spät. So war sie eben. Jede Menge Geld, aber in Kleinigkeiten geizig. Sie wollte nie irgendetwas Neues kaufen, und am Ende hat es sie umgebracht, sehen Sie?« Janine nickte zufrieden. Sie hatte ihren Standpunkt bewiesen. Alan untersuchte die gebrochene Strebe.
»Mmmh …«, murmelte er. Sie stiegen wieder nach unten in die Empfangshalle.
»Möchten Sie die Küche sehen?«, fragte Janine.
»Wenn Sie das Haus eventuell kaufen wollen, werden Sie bestimmt auch die Küche sehen wollen. Aber ich muss Sie warnen – es muss alles neu gemacht werden.« Meredith hatte ganz vergessen, dass sie sich vordergründig als Kaufinteressenten ausgegeben hatten, und beeilte sich, einen interessierten Eindruck zu machen. Die Küche war, wie nicht anders zu erwarten, riesig. Auf einer Seite stand ein gewaltiger viktorianischer Herd. Daneben stand ein moderner Gasofen. Das Spülbecken aus Steingut unter dem Fenster war so groß wie eine Pferdetränke; daneben führte eine Tür nach draußen in den Garten hinter dem Haus. Janine blickte wehmütig drein.
»Ich hab hier drin für Mrs Smeaton gekocht. Nicht, dass sie viel gegessen hätte. Ein paar Kartoffeln und ein wenig Fisch. Selten mehr.«
»Hat sie im Esszimmer gegessen?«, fragte Meredith. Janine schüttelte den Kopf, und der silberne Totenschädel tanzte erneut.
»Nein, sie ist immer hierher in die Küche gekommen. Ich hab sie immer gerufen, wenn ich fertig war. Wir hatten einen großen Tisch. Er stand genau hier.« Sie deutete auf die Stelle, und Meredith sah vier Abdrücke auf den Steinfliesen, wo die Tischbeine jahrzehntelang gestanden hatten.
»Ich habe einmal in der Woche gebacken, jede Menge Marmeladentörtchen und einen Biskuitkuchen, manchmal auch eine Apfeltorte. Das war ihr genug.« Janine zögerte.
»Ich hab an dem Tag gebacken, an dem ich ihr den Zeitungsausschnitt mit den Pantoffeln gegeben habe. Sie saß dort …« Janine deutete auf die freie Fläche, wo der Tisch gestanden hatte.
»Es war ein richtig heißer Tag. Die Sonne brannte vom Himmel, und hier drin war es wegen dem Backofen heiß wie in einer Sauna. Ich hatte das Fenster und die Tür auf, und ich hab immer noch geschwitzt. Ich hatte gerade das letzte Stück Gebäck aus dem Ofen genommen, ein Zitronenbaiser, und wollte es auf den Tisch stellen, als Mrs Smeaton in die Küche kam. ›Ich würde gerne eine Tasse Tee trinken, Janine‹, sagte sie zu mir. Ich hätte viel lieber ein kaltes Bier getrunken!« Janine lachte.
»Aber ich hab Tee gemacht, und dann haben wir uns hingesetzt und Tee getrunken, und ich hab ihr den Zeitungsausschnitt gezeigt. ›Hier, sehen Sie!‹, sagte ich zu ihr. ›Man kann sie mit der Post bestellen. Sie müssen nicht aus dem Haus und selbst einkaufen. Die Post bringt sie zu Ihnen. Sie können unmöglich noch länger in diesen alten Dingern rumlaufen. Sie werden sich noch zu Tode stürzen!‹ Und so ist es dann ja auch gekommen.« Janine nickte. Meredith war sicher, dass die junge Haushälterin traurig über den Tod ihrer ehemaligen Arbeitgeberin war, doch sie schien zugleich auch eine perverse Befriedigung über das Eintreffen ihrer Prophezeiung zu empfinden. Laut sagte sie:
»Vielleicht hat die Hitze Mrs Smeaton nichts ausgemacht? Sie war immerhin schon in Afrika gewesen, nicht wahr?« Janine sah Meredith zweifelnd an.
»Das sagen die Leute, ja. Mrs Smeaton selbst hat nie darüber gesprochen. Sie hat nie über irgendetwas mit mir geredet.« Mit diesen Worten sah sie Wynne Carter an.
»Nur ganz am Ende, nicht lange vor ihrem Unfall, da hat sie etwas wirklich Merkwürdiges gesagt.« Janine schien überhaupt nicht zu bemerken, dass die anderen drei wie gebannt an ihren Lippen hingen.
»Ja?«, hauchte Wynne atemlos.
»Es war, als ihr Pony starb. Sie war sehr bedrückt deswegen. Sie liebte ihre Tiere. Tiere sind treu und aufrichtig, sagte sie immer. Nicht wie die Menschen. Und dann zitierte sie irgendwelche Dichter und Schriftsteller. Ich erinnere mich nur an eine Zeile.« Janine atmete tief durch und rezitierte:
»Und allein der Mensch ist schändlich!«
»Das ist aus einer Hymne«, sagte Meredith.
»Ich hielt es für ein wenig stark«, fuhr Janine in normalem Tonfall fort.
»Und das habe ich ihr auch gesagt. Eine Hymne, sagen Sie? Nicht gerade aufmunternd, finde ich. Aber ich habe selbst ein paar richtig schändliche Mistkerle getroffen.«
»Und was hat Mrs Smeaton gesagt?«, fragte Alan.
»Oh«, sagte Janine.
»Sie sagte: ›Menschen können unendlich grausam zueinander sein, Janine. Ich weiß es aus eigener Erfahrung, glauben Sie mir. Das ist der Grund, warum ich ihnen den Rücken zugekehrt habe.‹«
»Was glauben Sie, wen Olivia gemeint hat?«, fragte Meredith, als sie in die Halle zurückkehrten.
»Vielleicht Lawrence Smeaton?«
»Kann schon sein, wer weiß? Vielleicht hat sie auch Marcus gemeint, ihren verstorbenen Mann. Möchten Sie auch das Obergeschoss besichtigen?«
»Es wäre keine schlechte Idee, nicht wahr?« Sie stiegen erneut die Treppe hinauf und an der gebrochenen Strebe vorbei. Die anderen blieben stehen, und Meredith ging alleine weiter. Der Treppenabsatz war zur Halle hin offen. Man konnte hinuntersehen und in die Gänge, die nach links und rechts führten. Meredith blieb stehen und versuchte sich vorzustellen, wie Olivia Smeaton hier gestanden und Janine unauffällig bei der Arbeit beobachtet hatte. Sie wusste nicht, wie Olivia ausgesehen hatte; das einzige Bild, das vor ihrem geistigen Auge stand, war das der uniformierten Fahrerin aus dem Zweiten Weltkrieg. Es passte nicht zur Umgebung, und Meredith gab den Gedanken auf, die Vergangenheit heraufzubeschwören. Stattdessen nahm sie den nach links führenden Gang. Er war schlecht beleuchtet, schmal und roch muffig. Auf dem Boden lag ein türkischer Läufer, wie diese Art von Teppich früher genannt worden war. Er sah Stück für Stück genauso alt aus wie der Läufer auf der Treppe und war stellenweise ganz abgetreten. Vermutlich war es reines Glück, dass Olivia nicht schon zu anderen Gelegenheiten mit ihren alten Pantoffeln gestürzt war. Vielleicht war sie es ja. Möglicherweise wusste Janine etwas darüber. Andererseits – vielleicht auch nicht. Sie war nicht ständig hier gewesen, und alte Menschen neigten manchmal dazu, wie Meredith wusste, Stürze zu verheimlichen. Ein Sturz bedeutete nämlich, dass die gefallene Person nicht länger gefahrlos alleine leben konnte. Ein Sturz bedeutete unter Umständen das Pflegeheim. Olivia hätte die Vorstellung zutiefst verabscheut, in ein Pflegeheim zu ziehen, umgeben von Fremden und gezwungen, sich an einen von außen oktroyierten Zeitplan zu halten. Andererseits war dieses Haus für eine alte Dame wie Olivia riesig. Das äußere Erscheinungsbild war trügerisch gewesen. Man hätte ohne Schwierigkeiten eine Pension in Rookery House unterbringen können. Meredith erkundete die Räume rechts und links. Hinter den ersten beiden Türen mit alten Messingklinken lagen mittelgroße Schlafzimmer. Die Fenster waren mit Läden versperrt, und im Dämmerlicht erkannte Meredith blasse rechteckige Flecken an den Wänden, wo früher einmal Kommoden und Schränke gestanden hatten. Der Fußboden war irgendwann in der Vergangenheit, als es modern gewesen war, mit Linoleum ausgelegt worden. Das Linoleum war an zahlreichen Stellen gerissen oder gebröckelt. Auch das war eine gefährliche Falle für eine unsichere alte Person – nein, eine Falle für jeden. Vielleicht hatte ein Teppich auf dem Boden gelegen, der bei der Versteigerung des Haushalts entfernt worden war. Es war eine wahre Schande in Merediths Augen, dass das gesamte Mobiliar verschwunden war. Hinter der dritten Tür lag ein Badezimmer. Es musste einstmals ebenfalls ein Schlafzimmer gewesen sein, denn als das Haus gebaut worden war, hatte man noch keine Badezimmer gekannt. Irgendein spätviktorianischer Besitzer hatte eine riesige gusseiserne Badewanne auf Löwenpfoten installiert. An der Wand hing ein Waschbecken, daneben stand ein wunderschönes viktorianisches Wasserklosett, verziert mit blauen Vergissmeinnicht-Zweigen. An einem massiven Halter aus Holz und Messing, ebenfalls eine Antiquität, hing eine halbe Rolle Toilettenpapier. Die Rohre für die später eingebauten sanitären Apparaturen verliefen hässlich und unpraktisch über dem Putz an den Wänden entlang, wo sie von großen Klammern gehalten wurden und nichts als Staub einfingen. Meredith setzte ihren Weg zum Ende des Korridors fort. In der rückwärtigen Wand befand sich eine Tür, hinter der wahrscheinlich das Hauptschlafzimmer lag, denn sie war höher und breiter als die übrigen Türen. Meredith stieß sie in neugieriger Erwartung des dahinter liegenden Raums auf und wurde von derart grellem Sonnenlicht empfangen, dass sie geblendet rückwärts stolperte. Einen Augenblick lang sah sie überhaupt nichts mehr. Dann kehrte ihr Sehvermögen zurück, und sie erkannte, dass der Raum vor ihr zwar genauso leer geräumt worden war wie alle anderen, doch die Fensterläden waren aufgeklappt. Strahlender Sonnenschein fiel durch die Scheibe, und draußen vor der Scheibe schwebte mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund ein leichenblasses menschliches Gesicht. Meredith stieß einen markerschütternden Schrei aus, und die anderen kamen die Treppe hochgerannt. Sie erschienen in einer verwirrten Traube und bedrängten Meredith mit einem Durcheinander von Fragen.
»Entschuldigung!«, ächzte Meredith.
»Ich hab ein Gesicht gesehen … es war eine richtige Fratze! Da drüben, beim Fenster!«
»Wir sind im ersten Stock«, bemerkte Alan.
»Das ist mir doch egal! Ich hab ein Gesicht gesehen, wenn ich es doch sage! Es hat ins Zimmer gestarrt!«
»Keine Spiegelung?«, fragte er taktlos.
»Es war hässlich! Danke sehr für das Kompliment! Es war ganz blass, fast weiß, wie bei einem Clown, und es hat ein wenig entgeistert ausgesehen. Vielleicht war er genauso überrascht, mich zu sehen, wie ich über ihn!«
»Du bist sicher, dass es ein Mann war?« Markby ging zum Fenster, während er die Frage stellte.
»Ja. Und jemand hat die Fensterläden aufgemacht.« Sie wurde ungeduldig angesichts all der Fragen, als bestünden Zweifel an dem, was sie mit eigenen Augen gesehen hatte.
»Die Fensterläden habe ich geöffnet«, sagte Janine von der Tür her.
»Ich komme regelmäßig vorbei und lüfte das Haus, wissen Sie? Ich muss beim letzten Mal vergessen haben, sie wieder zu schließen.« Alan schob den schwergängigen unteren Teil des Fensters mühsam hoch und beugte sich nach draußen.
»Du hast Recht! An der Mauer steht eine Leiter!« Er zog den Kopf wieder zurück und wandte sich zu den drei Frauen um.
»Natürlich habe ich Recht!«, entgegnete Meredith gekränkt.
»Ich habe mir das nicht eingebildet!«
»Mein Gott, es wird doch wohl niemand versucht haben einzubrechen?«, rief Wynne erschrocken.
»Könnte es ein Landstreicher gewesen sein?«
»Das werden wir bald wissen …« Sie rannten, angeführt von Alan, nach draußen auf den Korridor und die Treppe hinunter, durch die Halle, zur Tür hinaus und um das Haus herum nach hinten. Doch als das Rudel, begierig darauf, den Eindringling zu stellen, die Leiter erreicht hatte, gab es nichts als lange Gesichter. Die Leiter stand da wie zuvor, an die Mauer unter dem Fenster gelehnt. Doch nirgendwo war eine Spur von Leben zu sehen.
»Eigenartig«, sagte Janine. Sie stand mit verschränkten Armen und leicht gespreizten Beinen da. In diesem Augenblick entdeckte Alan eine Bewegung im Gebüsch. Er sprang hin und arbeitete sich in das Gestrüpp hinein. Es gab einen leisen Aufschrei und ein paar Geräusche, die auf ein kurzes Handgemenge hindeuteten, dann kam Markby wieder zum Vorschein und schob einen protestierenden, sich windenden Jugendlichen von achtzehn oder neunzehn Jahren vor sich her.
»Das war er!«, sagte Meredith ohne Zögern.
»Ich hab überhaupt nichts gemacht!«, jammerte Markbys Gefangener.
»Oh«, sagte Wynne erleichtert.
»Das ist nur Berrys Junge.«
»Hey, Kevin!«, wandte sich Janine Catto an Berrys Jungen.
»Was hattest du überhaupt da oben auf der Leiter zu suchen?« Markby hatte seinen Gefangenen losgelassen, nachdem seine Identität festgestellt war. Berrys Junge, oder auch Kevin, rieb sich den Arm und starrte Markby verdrießlich an. Er sah aus, als könnte er jeden Augenblick versuchen, erneut Reißaus zu nehmen. Er trat einen Schritt zur Seite und bedachte sie mit einem gehetzten Blick. Er war ein hagerer Bursche, doch zugleich muskulös, und sein Gesicht war ungesund bleich und von Aknenarben entstellt. Er besaß abstehende Ohren, seine Zähne wirkten zu groß für seinen Mund, und die beiden oberen Schneidezähne waren abgebrochen. Er trug schmutzige Jeans und ein T-Shirt, das nicht viel sauberer aussah. Meredith sah ein, dass ihre vorherige Beschreibung als
»hässlich« nicht ganz zutraf, andererseits war er auch nicht gerade attraktiv, der Ärmste. Sein plötzlicher, unerwarteter Anblick hinter der Scheibe im ersten Stock, eingerahmt von all dem Licht, hatte ihr verständlicherweise einen Schock versetzt. Sie fragte sich, wie es mit Kevins Intelligenz bestellt war.
»Mr Crombie hat mich geschickt«, sagte Kevin heiser und trotzig. Er fuchtelte mit den langen Armen, entweder aus Nervosität, oder um seine Worte zu untermauern und den Job zu versinnbildlichen, der ihm aufgetragen worden war.
»Fragen Sie ihn, Mrs Carter!«
»Das undichte Dach?«, fragte Janine, die zwei und zwei zusammengezählt hatte. Die Miene des Jungen hellte sich auf.
»Das ist es. Mr Crombie hat gesagt, ich soll nach oben steigen und das Mauerwerk um das Fenster herum prüfen. Nachsehen, ob in den Mörtel Feuchtigkeit eingedrungen ist.« Sie blickten nach oben zu der Stelle, auf die er mit dem Finger zeigte. Die dunkleren Fugen um einige der Ziegel deuteten unübersehbar auf Feuchtigkeit im Mauerwerk hin. Der Jugendliche hatte ein wenig von seinem Selbstvertrauen zurückgewonnen und wurde allmählich rotznäsig.
»Woher sollte ich denn wissen, dass Sie im Haus sind? Ich bin die alte Leiter hochgeklettert und war gerade vor dem Fenster. Ich hab nach drinnen gestarrt, und dann hab ich diese Lady da gesehen.« Er nickte in Merediths Richtung.
»Hat mich ganz schön erschreckt, das kann ich Ihnen sagen. Sollte eigentlich niemand in dem alten Haus sein, oder? Ich wäre fast von der verdammten Leiter gefallen!« Er wurde von Sekunde zu Sekunde gekränkter.
»Bitte entschuldigen Sie, Kevin«, sagte Meredith, um ihn zu beruhigen.
»Aber Sie haben mir auch einen mächtigen Schrecken eingejagt.« Kevin ignorierte Merediths Entschuldigung und richtete den Blick auf Wynne Carter, die er offensichtlich als die Autorität vor Ort betrachtete.
»Mr Crombie hat mir aufgetragen nachzusehen.«
»Ja, Kevin, das hast du bereits erzählt.«
»Aber ich hab noch nicht nachgesehen«, sagte Kevin störrisch.
»Dann geh und sieh nach, Kevin. Es ist in Ordnung, keine Sorge.« Wynne lächelte aufmunternd.
»Man darf keine Leute erschrecken, wenn sie auf einer Leiter stehen«, sagte Kevin gekränkt.
»Was würde Ernie sagen, wenn ich runterfalle und mir ein Bein breche oder sonst was?« Mit einem letzten verdrossenen Blick wandte er sich ab und trottete davon. Meredith fragte sich, ob die abgebrochenen Schneidezähne möglicherweise das Resultat eines früheren Sturzes von einer Leiter waren. Sie beobachtete ihn, wie er schnell und sicher die Leiter hinaufkletterte.
»Wenn Sie an Rookery House interessiert sind …«, sagte Janine, »Sie sehen, dass es instand gehalten wird. Mr Crombie und ich und die Berrys, wir kümmern uns darum.« Markby und Meredith versicherten ihr, dass ihnen diese Tatsache nicht entgangen war. Doch Janine war noch nicht fertig.
»Mr Crombie erledigt alle Bau- und Instandsetzungsarbeiten im Dorf, und das zu sehr anständigen Preisen. Ernie macht jede Arbeit, die ihm aufgetragen wird, und ich wäre selbstverständlich bereit, weiter als Haushälterin zu arbeiten.«
»Ich werde daran denken«, sagte Meredith schuldbewusst. Der Verlust des permanenten Bewohners von Rookery House hatte die Wirtschaft der Gemeinde beeinträchtigt. Janine ohne Arbeit, Ernie und sein Junge, die Gärtner, ebenfalls, und Crombie, der regelmäßige Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten durchgeführt hatte – obwohl er durch den Lauf der Ereignisse kaum in den Bankrott getrieben werden würde, hatte er doch einen kleinen, zuverlässigen Auftraggeber verloren. Markby murmelte ein paar Worte über den Garten und wanderte auf einem Pfad zwischen den Büschen davon. Meredith eilte hinter ihm her, bevor Janine anfangen konnte, ihre Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Meredith beobachtete, wie er mit den Füßen auf dem trockenen Boden scharrte, wie er an Büschen und Pflanzen zupfte und schließlich vor einer von Flechten überwucherten Statue einer Frau in einem Umhang Halt machte.
»Es ist alles dem Verfall preisgegeben«, sagte er sehnsüchtig, »aber es ist ein wundervolles Anwesen.« Merediths ungutes Gefühl kehrte mit aller Macht zurück.
»Ja, das ist es … aber ein Haus dieser Größe?« Er murmelte eine undeutliche Antwort und ging weiter. Sie kamen zum einstigen Küchengarten, der sonnig und still hinter seinen roten Ziegelmauern lag. Auf der der Küchentür gegenüberliegenden Seite befand sich ein Tor. Markby ging hin und öffnete es. Sie traten hindurch und fanden sich auf einer Koppel wieder. Es schien kaum ein Lufthauch zu gehen. Die Blätter des schönen Kastanienbaums vor der Hügelkuppe hingen schlaff herab. Alan deutete schweigend nach vorn. Sie wanderten gemeinsam über die Weide, die sich noch immer nicht von der sommerlichen Trockenheit erholt hatte, zu einem großen Hügel erst kürzlich aufgeworfener Erde. Er hatte sich bereits gesetzt, und die ersten Unkräuter keimten. Die winzigen Pflanzen waren hauptsächlich Greiskraut und Nesseln. Es war viel zu groß für einen Menschen, doch es schien sich ganz offensichtlich um ein Grab zu handeln.
»Vermutlich«, sagte Meredith und schob sich eine braune Locke aus der Stirn, »vermutlich hatte sie das Pony wirklich gern, nachdem sie keinerlei menschliche Freunde besaß.« Meredith schwitzte; es war wirklich heiß hier draußen. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen, und ihre Kopfhaut juckte unangenehm. Alan hatte die Hände in den Taschen und starrte auf den Erdhügel.
»Es wäre für das Tier schlimmer gewesen, wenn sie zuerst gestorben wäre. Wer hätte sich dann um das Pony gekümmert? Es wäre möglicherweise in ungeeignete Hände gelangt. Es war sicher schon ziemlich alt und hat seit Jahren nicht mehr gearbeitet. Ich wage zu behaupten, dass es zum Abdecker gekommen und als Dosenfutter geendet wäre.«
»Nicht!«, protestierte Meredith empört. Es erschien ihr fast wie Blasphemie, am Grab eines Tieres solche Worte zu sagen. Er blickte auf und lächelte.
»Überleg nur, was wir aus diesem Haus und diesem Grundstück machen könnten, du und ich, Meredith.«
»Ich hab’s gewusst!«, rief sie aus.
»Nun, was könnten wir machen? Es ist ein riesiger alter Kasten mit fünf oder sechs Schlafzimmern und zwei Dienstbotenkammern unter dem Dach, einem Garten, einem Küchengarten, einer Koppel …«
»Dir hat das Haus gefallen«, sagte er störrisch.
»Ja, es hat mir sogar sehr gut gefallen! Es ist die Sorte Haus, von der man träumt … aber!« Ihr Tonfall wurde genauso störrisch wie Markbys.
»Es wird wohl ein Traum bleiben müssen! Wie willst du von hier aus zur Arbeit kommen?«
»Ich könnte mich vorzeitig in den Ruhestand versetzen lassen. Ich bin schon so lange bei der Polizei … viel zu lange.«
»Und? Was ist mit mir? Wie soll ich von hier aus jeden Tag nach London kommen und zurück? Völlig unmöglich!«
»Du könntest dich ebenfalls pensionieren lassen. Bevor du einen Herzanfall erleidest. Denk darüber nach. Warum nicht? Dein Schreibtischjob in London hängt dir zum Hals heraus. Du warst nur gerne im Ausland. Das Einzige, was dich interessiert hat, war die konsularische Arbeit. Du hast selbst ich weiß nicht wie oft gesagt, dass du nicht mehr ins Ausland geschickt werden wirst. Also pack deine Sachen und hör auf.«
»Ich war diesen Sommer in Paris!«, widersprach sie entschieden.
»Aber nur, weil der elende Smythe sich das Bein gebrochen hat. Es war eine vorübergehende Geschichte, eine einmalige Angelegenheit. Es sei denn, Toby Smythe tut dir den Gefallen und bricht sich regelmäßig irgendwelche Knochen.«
»Sei nicht so sarkastisch!«, schnappte sie.
»Du konntest Toby noch nie leiden!«
»Was soll man an ihm leiden können? Er ist eine Strafe!« Meredith schwieg. Die warme Luft war kaum zu ertragen, und zu allem Überfluss besaß eine Fliege die Frechheit, sich auf Merediths Nase niederzulassen. Sie wischte sie unwirsch weg.
»Wenn ich dich nicht besser kennen würde, würde ich sagen, du bist eifersüchtig auf den armen Toby!« Markby grollte nur. Meredith wechselte das strittige Thema Toby Smythe, obwohl sie nicht diejenige gewesen war, die es angesprochen hatte. Dieser Gedanke bewog sie jedoch, mit einem gleichermaßen heiklen Thema zu kontern.
»Du hast mir erzählt, als du mit Rachel verheiratet warst, hättet ihr ein großes altes Haus bewohnt und die Arbeit daran hätte dir fast den Rest gegeben.«
»Sie hat meiner Ehe den Rest gegeben, Herrgott! Aber das lag daran, dass ich mit Rachel in diesem Haus gewohnt habe. Hier drin würde ich mit dir leben!«
»Um Himmels willen, Alan! Was soll ich denn den lieben langen Tag über machen, wenn ich meine Arbeit aufgebe und mich hierher zurückziehe? Gemeinsam mit dir vor mich hin vegetieren?«
»Du müsstest nicht vegetieren. Parsloe St. John könnte einen Buchladen gebrauchen …«
»Einen Buchladen?«
»Warum denn nicht?«
»Was weiß ich denn über das Führen eines Buchladens?«
»Du könntest es lernen. So schwer ist es bestimmt auch wieder nicht.«
»Es wäre schwer für mich. Ich weiß absolut gar nichts darüber.« Meredith stockte, als ihr ein Bild in den Kopf kam – nicht von ihr selbst, umgeben von hübschen Regalen voller Bücher, sondern vom verstaubten Schaufenster des WIRHABEN-ALLES-Ladens in Stable Row.
»Ich glaube nicht«, sagte sie, »dass ich mich dabei wohl fühlen würde.«
»Denk wenigstens ernsthaft darüber nach.« Sie wollte bereits entgegnen:
»Das habe ich!«, doch sie biss sich auf die Zunge. Er stand vor ihr, mit leicht gesenktem Kopf und den Haaren in der Stirn. Sein Gesichtsausdruck war angespannt, und er hatte jenen Blick in den Augen, den er immer hatte, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte und sich nicht davon abbringen lassen wollte. Es war eine Haltung, die Meredith inzwischen nur zu gut kannte. Als Polizist leistete sie ihm gute Dienste, überlegte sie. Er gab nicht so einfach auf. Er ließ sich nicht von unkooperativen Kollegen oder vorsätzlich falschen Zeugenaussagen oder einem schieren Mangel an Beweisen aus der Bahn werfen. Wenn Markby glaubte, dass er auf der richtigen Spur war, dann blieb er dabei, komme, was da wolle. Doch sosehr ein Ermittlungsbeamter von dieser Charaktereigenschaft profitierte, sosehr konnte sie im Privatleben hinderlich sein. Sie überlegte kläglich, dass sie selbst bei mehr als einer Gelegenheit halsstarrig war. Doch Alan, so freundlich er gegenüber jedermann auftrat, selbst gegenüber dem ausfallendsten Zeugen oder Beschuldigten, und so zurückhaltend er in mancherlei Angelegenheit scheinen mochte, war so unbeweglich wie ein Fels, wenn es um etwas ging, woran er glaubte. Und in diesem Augenblick, hier draußen im warmen herbstlichen Wind auf der friedlichen Koppel hinter Rookery House, mit dem aromatischen Duft von Heu in der Luft, schien er allen Ernstes fest daran zu glauben, dass er und sie in Harmonie hier leben konnten. Sie beide allein, hier draußen, gestrandet in Parsloe St. John.
»Alan«, sagte Meredith so vernünftig, wie sie nur konnte, »ich weiß, warum du auf diese Idee gekommen bist. Du hattest dieses Jahr keinen anständigen Urlaub. Du hast verdammt hart in deinem neuen Job gearbeitet. Es ist nur natürlich, dass du von allem die Nase ein wenig voll hast und Lust verspürst, dich hierher zurückzuziehen und die Füße hochzulegen. Aber nach vierzehn Tagen hättest du die Nase voll bis oben hin, glaub mir. Genau wie ich! Es würde das Ende unserer Beziehung bedeuten. Einer von uns beiden würde den anderen ermorden. Es wäre nur die Frage, wer von uns zuerst das Brotmesser in der Hand hält!« Es musste unterbewusst gewesen sein, entschied sie später. Mord lag in ihren Köpfen, tief versteckt, nicht wirklich angesprochen und doch da. Es war so schön und still hier draußen, so friedlich – warum sollte man da ausgerechnet an Mord denken? Und doch war es geschehen. Alan schwieg lange Zeit, bevor er mit ruhigerer Stimme antwortete.
»Also schön. Trotzdem, ich denke, du urteilst vorschnell. Du hast das noch nicht alles wirklich gründlich durchdacht. Ich bitte dich doch nur, es in Ruhe zu überlegen.« Er setzte sich in Bewegung.
»Wir sollten allmählich zurückkehren, sonst schickt Wynne noch einen Suchtrupp los.« Meredith zögerte und blickte auf die aufgeschüttete Erde zu ihren Füßen.
»Wirst du den Tierarzt anrufen? Wie war noch gleich sein Name, Rory irgendwas. Wirst du ihn fragen, woran dieses Pony gestorben ist? Wodurch oder womit es sich vergiftet hat?«
»Kann sein«, erwiderte Markby.
»Aber nicht mehr heute. Vielleicht morgen. Und nur, damit Wynne zufrieden ist, verstehst du?«
»Absolut.« Sie wanderten über die Koppel zum Tor in der Mauer, durch den kleinen Küchengarten und über den von Sträuchern gesäumten Pfad an der Statue vorbei um das Haus herum, wo sie Janine und Wynne in entspannter Unterhaltung auf einer Bank in der Sonne fanden.
»Wir haben genug gesehen«, sagte Meredith unvorsichtigerweise.
»Und? Werden Sie kaufen?«, fragte Janine neugierig.
»Und? Werden Sie die Angelegenheit untersuchen?«, fragte Wynne mindestens ebenso neugierig.
»Sie müssen uns nicht erzählen, was der Soldat oder sonst irgendjemand gesagt hat, Sir«, unterbrach der Richter.
»Das ist nicht beweiskräftig.« Charles Dickens
KAPITEL 6
»ES GIBT gar nichts, Wynne«, sagte Alan Markby geduldig (er wusste nicht mehr, zum wievielten Mal).
»Es gibt überhaupt nichts zu untersuchen.«
»Oh, ich weiß nicht«, sagte Meredith nachdenklich und erhielt einen wütenden Blick, der offen sagte, dass er von ihr in dieser Diskussion Unterstützung erwartete und nicht, dass sie sich auf die andere Seite schlug.
Sie saßen eng gedrängt am großen Kamin im King’s Head an einem zu kleinen, wackelnden Tisch. Es war bereits Essenszeit gewesen, als sie von Rookery House zurückkehrten, und Wynne hatte vorgeschlagen, das Mittagsmenü des Pubs zu nehmen.
»Mervyn Pollard ist eifrig dabei, den Restaurantbetrieb des Pubs auszubauen. Er hat keinen richtigen Speisesaal, man muss im Lokal essen, aber es ist nicht beengt. Und sein Essen ist sehr ehrgeizig – manchmal zumindest«, schloss Wynne geheimnisvoll.
Markby und Meredith hatten Wynnes Vorschlag angenommen, halb in der Erwartung einer rustikalen Liste herzhafter Speisen. Sie waren recht verblüfft, als man ihnen dann indonesisches Nasi Goreng, Cod Bordelaise und zwei Variationen von Schnittchen anbot, Käse und Pastete.
»Ich verstehe, was Sie gemeint haben mit ›ehrgeizigem Essen‹, Wynne«, sagte Markby, während er die Speisekarte las.
»Ehrgeizig ist genau das richtige Wort.«
Einige Zeit später schob Meredith ein Salatblatt an den Tellerrand und betrachtete den rostbraunen Fleck Chutney, dem einzigen Überrest ihrer Schnittchen. Sie hatte keinen rechten Appetit gespürt und statt der exotischen Angebote eine einfache Mahlzeit gewählt. Gebratener Reis am helllichten Tag war nicht gerade ihr Ding.
Der Wirt, der gefeierte Gastronom Mervyn Pollard persönlich, kam herbeigewatschelt und nahm ihnen die benutzten Teller weg.
»Möchten Sie die Puddingkarte?«, fragte er liebenswürdig.
»Wir haben heute eine Spezialität im Angebot, TirramOozoo.«
»Was ist das, Mervyn?«, fragte Wynne.
» Tirram-Oozoo. Eine italienische Schokoladenspeise, so ähnlich wie Schokotrüffel.« Sie lehnten das Tiramisu dankend ab. Mervyn schien überrascht und erkundigte sich, ob sie vielleicht noch etwas zu trinken wollten. Sein Verhalten legte eindeutig nahe, dass es von schlechten Manieren zeugte, nichts mehr zu bestellen, nachdem sie schon die Spezialität des Tages abgelehnt hatten, und so beeilten sie sich, seine Frage zu bejahen.
»Sehr wohl, kommt sogleich«, versprach er und watschelte davon. Meredith sah ihm hinterher, wie er durch die voll gestellte Schankstube wanderte. Die Decke war niedrig und bestand aus Eichenbalken. Der Wirt war groß gewachsen, ein richtiger Riese, und eine häusliche Arbeit wie das Reinigen eines Tisches schien unvereinbar mit seiner Körpergröße. Die Teller in seinen Schaufelhänden sahen aus wie Untertassen. Merediths Blick blieb auf einem Schild haften, das eintretende Gäste vor der niedrigen Decke warnte. ›Nicht meckern, ducken!‹ stand dort geistreich geschrieben. Mervyn für seinen Teil hatte, um sich nicht ständig den Schädel anzustoßen, eine eigenartige Haltung entwickelt. Er hielt den Kopf schräg und die eine Schulter höher als die andere, fast wie Igor, der Diener Frankensteins in den alten Filmen. Er verschwand durch eine Tür in einen Raum, der vermutlich die Küche war, und sie hörten, wie er ein spöttisches Geplänkel mit einer Frau anfing. Nachdem Mervyn gegangen war, setzte Wynne ihre Argumentation fort. Ihr Gesicht war gerötet, zum Teil vom Gin Tonic, zum Teil vor Erregung über das Thema, und jede einzelne Nadel in ihrem Chignon sah aus, als könnte sie von einem Augenblick zum anderen herausfallen.
»Hören Sie, Alan!«, sagte sie vehement.
»Ich habe mit keinem Wort ausgesprochen, was ich denke, weil ich wollte, dass Sie von ganz allein zur gleichen Schlussfolgerung gelangen. Deswegen habe ich Ihnen lediglich die reinen Fakten auf den Tisch gelegt und Ihnen das Denken überlassen. Ich habe peinlich darauf geachtet, Ihnen keine Schlussfolgerungen zu suggerieren, wie man so schön sagt. Ich dachte, als ein hoher Polizeibeamter mit viel Erfahrung würden Sie das Gleiche sehen wie ich, gleich auf den ersten Blick!« Eine graue Locke löste sich aus ihrem Chignon und fiel ihr über die Nase. Wynne strich die Locke rigoros nach hinten.
»Aber Sie lassen mich doch gar nicht zu meinen eigenen Schlussfolgerungen kommen«, entgegnete Markby.
»Sie versuchen, mich dazu zu bringen, dass ich mich Ihrer Meinung anschließe.«
»Ich war viele Jahre lang Journalistin!«, begehrte Wynne auf.
»Ich habe eine Nase für eine Story, und Sie als Polizist sollten wirklich riechen, wenn an einer Sache etwas stinkt!«
»Haben Sie je eine Geschichte abgedruckt, ohne sie gründlich zu recherchieren, Wynne?«
»Nein, selbstverständlich nicht!« Sie war beleidigt. Die Haarnadeln bebten, und eine löste sich und verharrte in einem Winkel, der jeglicher Gravitation spottete. Meredith beobachtete sie fasziniert.
»Richtig, und genau das Gleiche tue ich auch – ich meine, ich fange nicht an zu ermitteln, solange ich keine Indizien oder Beweise finden kann. Und weder das eine noch das andere habe ich gesehen, Wynne.« Da ist er wieder, dieser halsstarrige Unterton in seiner Stimme, dachte Meredith. Er hat doch wohl nicht im Ernst vorgehabt, Rookery House zu kaufen, oder vielleicht doch? Bestimmt war es nur eine Laune des Augenblicks. Zugegeben, es war ein wunderschönes Haus. Meredith seufzte. Wynne sah aus, als würde sie jeden Moment frustriert aufspringen oder mit der Faust auf den Tisch schlagen, doch sie wurde durch Mervyns Rückkehr daran gehindert. Er trug ein Blechtablett mit den Getränken, die er nun vor ihnen abstellte, wobei es ihm tatsächlich gelang, jedem das falsche Getränk zu geben. Nachdem er sich wieder entfernt hatte, sortierten sie ihre Drinks, Gin für Wynne, die Cidre bekommen hatte, Cidre für Meredith, die Bier erhalten hatte, und das Pint für Markby, dem Gin Tonic vorgesetzt worden war. Wynne hatte die Unterbrechung genutzt, um ihre Argumente zu sortieren.
»Hören Sie, Alan, Sie müssen doch wohl zugeben, dass Olivia Smeatons Verhalten eigenartig war. Sie hat sich versteckt, das hat sie getan, hier in Parsloe St. John!«
»I want to be alone …«, murmelte Markby dramatisch.
»Sie könnten die Sache wenigstens ernst nehmen, und wenn auch nur aus Höflichkeit!«
»Bitte verzeihen Sie, Wynne.« Er war sichtlich zerknirscht. Wynne beugte sich vor und zischte:
»Was es auch immer war, das Olivia Smeaton Angst gemacht hat, am Ende hat es sie gefunden.«
»Wer sagt das … äh, nochmals Entschuldigung, Wynne. Aber ganz ehrlich, Sie haben nicht den Hauch eines Beweises für diese Vermutungen.«
»Ich glaube einfach nicht, dass Olivias Sturz die Treppe hinunter ein Unfall gewesen ist!«, sagte Wynne entschieden.
»Ich weiß, dass die Sohle ihres Pantoffels lose war, aber sie ist seit einer Ewigkeit mit diesen Pantoffeln durch die Gegend gelaufen, und wir wissen nicht genau, wie lose die Sohle tatsächlich war. Ich meine, wenn jemand sie die Treppe hinuntergestoßen hat, dann könnte er als Allererstes hinterher die Sohle noch ein wenig weiter gelöst haben, nicht wahr? Und als Nächstes die Strebe in der Balustrade zerbrochen haben. Sie hätte an jedem beliebigen Tag in den vorangegangenen Wochen fallen können, Alan, doch sie fiel ausgerechnet am Wochenende, wenn niemand im Haus ist und niemand sie vor Montagmorgen findet. Ich glaube das einfach nicht!«
»Es ist ein Zufall, aber so etwas geschieht. Mrs Smeaton war bereits sehr alt und wahrscheinlich auch ein wenig wacklig auf den Beinen, auch ohne die gelöste Pantoffelsohle. Bei der Gerichtsverhandlung zur Feststellung ihrer Todesursache wurde dies sicher alles erörtert. Hätte es einen ernsten Zweifel gegeben, dann glaube ich sicher, dass er während dieser Verhandlung mitgeteilt worden wäre. Das ist nicht geschehen, wie ich annehme. Und was das Verstecken angeht, ich würde es nicht so ausdrücken. Mrs Smeaton war eine ältere Frau und lebte zurückgezogen, so viel räume ich ein. Sie hat ihre langjährige Freundin verloren und davor ihren Ehemann. Sie hat daraufhin beschlossen, den Rest ihres Lebens ohne Gesellschaft zu verbringen. Vielleicht hätte sie einen weiteren Verlust nicht ertragen. Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, dass sie in den letzten Jahren unglücklich gewesen wäre?«
»Möchte vielleicht irgendjemand hören, was ich denke?«, fragte Meredith leise. Die beiden anderen sahen sie konsterniert an und entschuldigten sich gleichzeitig.
»Ich wollte Sie selbstverständlich nicht außen vor lassen, meine Liebe«, sagte Wynne und tätschelte Merediths Arm.
»Mir ist schon aufgefallen, dass du so ungewöhnlich still bist«, sagte Markby.
»Komm, lass uns hören, was du dir überlegt hast.«
»Nicht, wenn du in diesem schnodderigen Ton mit mir redest! Ich betrachte diese Angelegenheit wie Wynne als recht ernst. Wir sprechen schließlich über einen Todesfall und über das Leben der betreffenden Person.« Meredith runzelte die Stirn.
»Nur dass wir darüber jetzt keine Informationen mehr erhalten können. Es ist zu spät. Wynne hat es versucht, als sie den Nachruf aktualisieren sollte, und sie hat nichts herausgefunden. Keiner von euch beiden hat bisher die Frage nach dem Motiv erhoben. Ich weiß, dass Wynne sie angeschnitten hat; eventuell wegen Olivias Vergangenheit. Aber ich kann nicht glauben, dass irgendjemand eine achtzig Jahre alte Frau immer noch so hassen kann, dass er sie umbringt! Sie war sowieso am Ende ihres Lebens angelangt, und das ist der alles entscheidende Teil, jedenfalls in meinen Augen«, schloss Meredith. Wynne Carter und Markby sahen Meredith schweigend an. Markby trank einen Schluck von seinem Pint.
»Erzähl weiter«, sagte er dann.
»Was macht ein Mensch, der am Ende seines Lebens angekommen ist? Er ordnet seine Angelegenheiten und überprüft sein Testament. Sie war eine ziemlich wohlhabende Frau, vergiss das nicht. Vielleicht hat irgendjemand Erwartungen an ihr Testament geknüpft. Und manchmal ändern ältere Menschen ihr Testament willkürlich, aus einer Eingebung heraus. Vielleicht hat jemand, der in Geldnot war und sich als hauptsächlichen Nutznießer von Olivias letztem Willen sah, beschlossen … sicherzustellen, dass Olivia Smeaton keine Gelegenheit mehr bekam, ihr Testament zu ändern.«
»Aber niemand hat viel Geld bekommen, jedenfalls nicht ihrem Testament zufolge«, sagte Wynne nachdenklich.
»Julie Crombie bekam zweitausend … aber Max hat sowieso schon jede Menge Geld.«
»Dann hat sich der vermeintliche Haupterbe wohl geirrt. Trotzdem denke ich, es wäre eine Überprüfung wert, und wenn es nur wegen dem ist, was Janine uns erzählt hat.«
»Du meinst, als Olivia darüber gesprochen hat, wie schlimm Menschen zueinander sein können?« Markby beobachtete Meredith ganz genau.
»Nein, nicht das, sondern wie Janine ihre Arbeitgeberin dazu gebracht hat, neue Pantoffeln zu bestellen, und wo sich diese Szene abgespielt hat!« Meredith zögerte, um die Spannung zu steigern.
»In der Küche, an einem heißen Sommertag, als Janine gebacken hatte und sämtliche Türen und Fenster offen standen. Jeder im Haus oder draußen im Garten hätte die Unterhaltung hören können. Vielleicht ist jemand auf eine sehr hässliche Idee gekommen.« Markby neigte den Kopf nach vorn und legte das Gesicht in die Hände. Als er wieder aufsah, sagte er:
»Du bist genauso schlimm wie Wynne – und ich denke nicht daran, mich dafür zu entschuldigen! Ja, es wäre möglich! Es könnte sich so abgespielt haben! Aber wir besitzen keinerlei Hinweise, dass es sich tatsächlich so abgespielt hat. Wir wissen nicht, ob jemand das Gespräch der beiden Frauen belauscht hat oder auch nur um diese Zeit in der Nähe war, um lauschen zu können!«
»Du könntest noch einmal mit Janine darüber reden«, schlug Meredith vor.
»Nein, nicht ich, ganz bestimmt nicht! Das hat überhaupt nichts mit mir zu tun!«
»Und die andere Sache, die Sie übersehen haben«, mischte sich Wynne wieder in das Gespräch ein, »ist das Pony.«
»Nicht schon wieder dieses elende Pferd!«
»Es ist eine elende Geschichte, darin gebe ich Ihnen Recht. Jemand hat das Tier vergiftet, Alan. Gehen Sie zu Rory Armitage und sprechen Sie mit ihm darüber. Irgendjemand hat Olivia abgrundtief gehasst und ihr Böses gewünscht!« Die Diskussion hätte unendlich lange weiter andauern können, doch Meredith blickte über den Tisch hinweg zum Eingang und fragte unvermittelt:
»Wer um alles in der Welt ist denn das?« Der Mann, der in diesem Augenblick eingetreten war, füllte die niedrige, breite Tür völlig aus. Er war breit, nur mittelgroß, doch mit gewaltigen Schultern und massiven Oberarmen. Er trug ein schmuddeliges ärmelloses Unterhemd, das in einer Cordhose steckte, und schwere Arbeitsstiefel. Auf den Schultern und den Oberarmen wuchs ein dichter Pelz aus grauen Haaren. King Kong in Klamotten, dachte Meredith bei seinem Anblick. Der Kopf des Neuankömmlings war kahl, ein runder, glänzender Schädel, und seine braun gebrannten Gesichtszüge waren verkniffen und von einem freundlichen Grinsen beherrscht. Beim zweiten Hinsehen bemerkte Meredith, dass das Grinsen vielleicht doch nicht so freundlich war: eher eine Muskelkontraktion, ein permanenter Zustand ohne signifikante Bedeutung. Wie ein Kürbiskopf, dachte sie. Wenn ich ihm an Halloween abends begegnen würde, bekäme ich einen Heidenschreck! Der Neuankömmling blickte sich mit seinem bedeutungslosen Grinsen in der Bar um und begrüßte die Anwesenden mit rauer Stimme.
»Guten Tag.« Ein Gemurmel von Stimmen erwiderte den Gruß. Kaum jemand blickte auf. Der Mann ging zum Tresen, und Mervyn, der die Tropffläche wischte, sah zu ihm hinab.
»Hallo Ernie. Das Übliche?«
»Das ist Ernie Berry«, sagte Wynne mit leiser Stimme.
»Unser Gelegenheitsarbeiter. Er ist keine Schönheit, aber er versteht von allem etwas, und es ist praktisch, ihn in der Nähe zu haben. Für Geld macht Ernie alles. Kein Job ist ihm zu schmutzig, zu unbequem oder zu unerfreulich. Sie haben ihn gerufen, als es darum ging, Olivias Pony zu begraben. Selbstverständlich benötigte er Hilfe dabei.«
»Kevins Vater?«, fragte Meredith. Wynne schnitt eine Grimasse.
»So heißt es. Ernie hat nie geheiratet, und er hatte im Lauf der Jahre mehrere Frauen, die bei ihm gewohnt haben. Er nennt sie Freundinnen. Seit einer Weile hat er keine mehr. Eine von ihnen hat ein Kind zurückgelassen, als sie ging. Ob Kevin tatsächlich Ernies Junge ist oder ob seine Mutter ihn mitgebracht hat, als er noch ein Baby war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Er hat schon immer bei Ernie gewohnt und arbeitet für ihn. Ernie ist ein sehr fleißiger Arbeiter. Er ist kein Cowboy, wie es so schön heißt. Er macht keine Stümperarbeiten. Aber er hat seine Grenzen. Ich würde ihn an nichts heranlassen, das mit Elektrizität zu tun hat.«
»Aber er führt keine Geschäftsbücher«, sagte Markby.
»Und nein, auch dem werde ich nicht nachgehen, Wynne. Ich bin kein Steuerfahnder! Ich habe eine ganze Reihe von Gelegenheitsarbeitern kennen gelernt, und sie alle akzeptieren nur Bargeld.«
»Ernie ebenfalls«, stimmte Wynne ihm zu.
»Das liegt aber hauptsächlich daran, dass er Analphabet ist. Er kann nicht mal seinen Namen schreiben.«
»Und deswegen kann er keine Quittungen ausstellen, wollen Sie sagen?« Markby zeigte sich unbeeindruckt von Wynnes Bemühungen, Berry zu verteidigen.
»Und er kann jeden Schwur ableisten, dass er keine Ahnung von den Steuergesetzen hat, weil er sie nicht lesen kann.«
»Er muss doch gelegentlich Formulare ausfüllen!«, sagte Meredith.
»Wie macht er das?«
»Kevin«, sagte Wynne.
»Kevin ist in die Dorfschule gegangen und kann lesen und schreiben. Kevin ist nicht besonders hell, doch er versteht einfache Dinge, wenn sie ihm entsprechend erklärt werden. Ich glaube, Olivia hat ihnen geholfen, wenn einer der Berrys vor einem Problem stand, das sie beide nicht verstanden haben. Sie hat ihnen Schreiben und Formulare vorgelesen, die in braunen Geschäftsumschlägen kamen. Verstehen Sie, Ernie möchte nicht, dass irgendjemand im Dorf etwas über seine privaten Dinge weiß, doch Olivia war in seinen Augen niemand aus dem Dorf, der mit anderen schwatzte. Olivia war eine Lady, und was auch immer in den Schreiben stand, sie behielt es für sich.«
»Und sie hat die beiden Berrys in ihrem Testament bedacht?«, murmelte Meredith.
»Wie bitte? O ja. Sie hat jedem der beiden zweihundert Pfund hinterlassen. Die im Übrigen …«, fuhr Wynne mit Schärfe in der Stimme fort, »… die im Übrigen Mervyns Geschäft hier unmittelbar zugute gekommen sind.«
»Sie war jedenfalls verwundbar, so ganz allein in dem großen Haus«, stellte Meredith fest.
Sie waren endlich allein in ihrem Cottage. Es war Abend, und sie saßen vor dem offenen Feuer im Kamin bei einem Omelett und einem Glas Wein. Alan hatte die Omeletts zubereitet. Meredith kochte nicht gerne und betrachtete sich in dieser Hinsicht als verhext. Was sie auch in eine Pfanne tat, es brannte sofort an. Alan war zwar ebenfalls kein Meisterkoch, doch einen Schwager mit diesem Talent zu besitzen half ungemein. Die Omeletts waren ausgezeichnet. Sie machte ihm ein diesbezügliches Kompliment.
Markby nahm das Lob bescheiden entgegen und antwortete auf ihre vorherige Anmerkung.
»Ja. Olivia war durchaus verwundbar, wie jede ältere Person es ist, die alleine lebt. An deiner Theorie bezüglich ihres Testaments könnte etwas dran sein, aber wie sollen wir das je beweisen? Ich kenne jede Menge Fälle wie diesen. Merkwürdige kleine Unstimmigkeiten, unbefriedigende Erklärungen, die Mitwirkung skrupelloser Leute … Es reicht einfach nicht.
Nimm diesen Ernie Berry als Beispiel. Nach Wynnes Worten ist er ein guter Arbeiter. Olivia scheint mit ihm zufrieden gewesen zu sein, und er hat sie respektiert. Vielleicht hat er sie auch ein wenig gefürchtet? Er hat jede offizielle Post zu ihr getragen, damit sie sie ihm vorlas, wenn Kevin nicht damit zurechtkam. Der Mann mag auf seine Weise in Ordnung sein. Das heißt nicht, dass ich ihm vertrauen würde – ich kenne diesen Typ. Sie haben abgelaufene Steuerplaketten auf ihren Lieferwagen und besitzen Schrotflinten ohne Waffenschein und sehen fern, ohne Gebühren zu zahlen. Sie sind deswegen noch lange keine Kriminellen, sie machen sich nur einfach nichts aus dem Gesetz. Zugegeben, wenn ich eine ältere Verwandte hätte, wäre es mir überhaupt nicht recht, wenn sie sich auf jemanden wie Ernie Berry verlassen müsste. Doch wir haben nicht den geringsten Anlass zu glauben, dass Berry Olivia Smeaton betrogen oder sie sonst irgendwie ausgenutzt hat.«
»Wirst du trotzdem Rory Armitage besuchen? Du hast gesagt, du würdest es tun.«
Er seufzte und legte seine Gabel zur Seite.
»Ja. Lass es endlich gut sein, in Ordnung? Du und Wynne, ihr habt mich richtiggehend in die Enge getrieben! Das war die reinste Schikane! Ich gehe gleich morgen Früh nach dem Frühstück zu diesem Tierarzt und rede mit ihm, bevor er zu seinen Patienten rausfährt. Kommst du mit?«
Meredith wich seinem Blick aus.
»Nein. Geh du allein. Es könnte ihn verschrecken, wenn zwei Leute uneingeladen vor seiner Tür auftauchen und Fragen stellen. Das ist eher eine Sache für ein Gespräch von Mann zu Mann, wenn du mich fragst. Ich, äh … ich dachte, ich gehe noch mal nach Stable Row und sehe mir diesen merkwürdigen kleinen Laden an.«
»Warum denn das?«
Sie blickte ihn verlegen an.
»Wenn du es unbedingt wissen willst … Wynne hat erzählt, dass diese Sadie Warren, die Ladeninhaberin, eine Hexe wäre. Ich möchte sie einfach sehen, das ist alles. Ich habe noch nie eine Hexe gesehen.«
»Und daran wird sich morgen auch nichts ändern!«, entgegnete er prompt.
»Nichts außer einer alten runzligen Frau, die glaubt, sie wäre eine Hexe.«
»Daran ist doch wohl nichts Illegales?«
»Was denn, an der Behauptung, eine Hexe zu sein? Nein, diese Zeiten sind vorbei. Es kommt darauf an, was sie macht. Wenn sie nichts weiter tut, als in eigenartigen Kostümen herumzutanzen, was ist schon dabei? Wenn allerdings Drogen oder der sexuelle Missbrauch Minderjähriger ins Spiel kommen, sieht die Sache ganz anders aus. Aber sie wird wahrscheinlich behaupten, eine ›weiße Hexe‹ zu sein und völlig harmlos. Sie wird dir eine Menge über Paganismus und prächristlichen Glauben erzählen, über grüne Menschen, den großen Gott Pan, die Erdmutter, die weiblichen und männlichen Elemente der Natur, die Sommer- und die Wintersonnenwende und vielleicht noch ein wenig vom alten ägyptischen Götterglauben. Du ahnst nicht, wie viele Leute an solche Dinge glauben.«
»Was ist mit dem Verkauf von Zaubersprüchen?«
»Ich würde ihr nicht raten, so etwas zu tun oder damit zu drohen, jemanden mit einem Fluch zu belegen. Das könnte Betrug oder Nötigung oder sogar beides sein und wäre ein ernster Verstoß gegen die Strafgesetze.« Er sah Meredith an und grinste.
»Warum? Du hast doch wohl nicht vor, einen Spruch zu kaufen, oder?«
»Nein«, antwortete Meredith und sammelte das Geschirr ein.
»Ich dachte nur, ich kaufe ein Souvenir aus Parsloe St. John.«
»Viel Glück«, wünschte er ihr.
»Du wirst nichts von ihr kriegen außer dem ewig gleichen Gefasel über irgendwelche alten Religionen. Du bist eine Fremde. Sie wird dir nicht trauen. Vielleicht verkauft sie dir einen komisch geformten Stein oder sonst irgendwas, aber sie wird bestimmt nicht behaupten, dass er Wunder bewirken kann. Sie mögen vielleicht zurückgeblieben sein, diese Leute, aber sie sind bestimmt nicht dämlich.« Meredith blieb mit den Tellern in der Hand unter der Tür stehen.
»Glaubst du, die Leute von Parsloe St. John glauben ihr? Dass sie eine Hexe ist, meine ich?« Er nickte überzeugt.
»Ich könnte mir vorstellen, dass ziemlich viele daran glauben. Man sollte niemals unterschätzen, was in einem Dorf auf dem Land alles vorgeht.« Am letzten Samstag wurden drei junge Frauen aus unserer Gemeinde wegen Hexerei angezeigt … Hexenkunst beschrieben und erklärt, A. D. 1709
KAPITEL 7
ES WAR ein schöner Morgen, auch wenn die Luft ein wenig frisch war, ein Hinweis darauf, dass sich der ungewöhnlich lange Sommer dem Ende näherte. Der Herbst klopfte an die Tür, mit dem Winter im Gefolge.
Meredith mochte diese Art von Wetter. Sommer und Winter erzeugten jeder auf seine Weise einen gewissen Müßiggang, der manchmal an Lethargie grenzte. Doch an Tagen wie diesen waren alle Sinne wach und beieinander. Hier war Meredith nun, auf dem Weg nach Stable Row, um gerade mal neun Uhr in der Frühe, und fest entschlossen, Sadie in ihrem Bau zu erwischen, noch bevor der Tag richtig angefangen hatte.
Sie hatte Alan allein im Cottage zurückgelassen, wo er beim Kaffee gesessen und in der Zeitung gelesen hatte. Er hatte ihr beim Weggehen versprochen, sich mit dem Tierarzt in Verbindung zu setzen, und sie wusste, dass er sein Wort halten würde. Sie würden sich später im Cottage wiedersehen und die Neuigkeiten austauschen.
In Stable Row traten Bruce und Ricky einen Fußball durch die Gasse, und ihr Lärm hallte von den alten Mauern wider. Wahrscheinlich gab es zu keiner Zeit in der abgelegenen Gasse Verkehr – umso eigenartiger, dass jemand ausgerechnet hier einen Laden betrieb. Es sei denn natürlich, dieser Jemand hatte einen guten Grund, diskret zu sein.
WIR-HABEN-ALLES sah genauso aus wie bei ihrem letzten Besuch in Stable Row. Im Schaufenster die gleichen verstaubten, vergilbten, wenig attraktiven Auslagen – sogar der Kater war noch da. In der gleichen Position – als hätte er sich in der ganzen Zeit nicht gerührt. Meredith betrachtete das Tier genauer und stellte fest, dass sich das ungepflegte Fell ganz unmerklich hob und senkte, was sie mit Erleichterung registrierte. Sie fand kaum Zeit, diesen Gedanken zu Ende zu denken, als ihr bewusst wurde, dass sie ihrerseits ebenfalls beobachtet wurde.
Auf der anderen Seite des Fensters, hinter der vernachlässigten Auslage, stand jemand und starrte Meredith an. Sie hatte das flüchtige Gefühl eines bohrenden, beinahe feindseligen Blicks, bevor sich die Person bewegte und vom Fenster wegtrat. Jetzt gab es keinen Weg mehr zurück. Mit einem nervösen Kribbeln in der Magengegend trat Meredith zur Tür und öffnete sie.
Der Laden dahinter war winzig und wurde durch die Verkaufstheke, die ein gutes Drittel des Zimmers einnahm, noch kleiner gemacht. Hinter der Theke neben einer großen, plumpen viktorianischen Registrierkasse, stand die Ladeninhaberin.
Sadie Warren war eine groß gewachsene Frau, fast so groß wie Meredith selbst mit ihren 1,77, wie Meredith überrascht feststellte, obwohl es keinen Grund gab, warum Mrs Warren nicht so groß sein sollte, oder dick oder dünn oder weiß Gott was. Doch es war nicht allein die Größe, die Meredith beeindruckte, sondern ihre Masse.
Meredith war schlank gebaut. Sadie hatte schmale Schultern und gewaltige Hüften. Ihre genauen Körperformen verbargen sich unter einem Zelt von hellblauem Kleid, das mit winzigen rosa und gelben Gänseblümchen getüpfelt war. Um den Hals trug sie ein orientalisch aussehendes Amulett. Ihr Gesicht war oval, die Nase von der Sorte, die gemeinhin als römisch beschrieben wird, und ihr Blick sehr scharf – der gleiche Blick, den Meredith draußen vor dem Schaufenster auf sich ruhen gespürt hatte. Die Haare von Mrs Warren glänzten verdächtig schwarz und waren rechts und links vom Kopf zu zwei Schwänzen zusammengefasst, die von hellrosa Plastikschmetterlingen gehalten wurden. Ihre Lippen lächelten die fremde Kundin freundlich an, doch ihre dunklen Augen blieben kalt und abweisend.
Meredith fühlte sich an Ernie Berry erinnert. In diesem Dorf gab es entschieden zu viele Menschen, bei denen das ständige Lächeln nicht bis zu den Augen reichte. Sie teilen ein Geheimnis …, dachte Meredith, und das war kein angenehmer Gedanke.
»Sie wünschen, meine Liebe?«, fragte Sadie Warren unverbindlich mit einer tiefen, rauen Stimme, die auf lebenslangen Missbrauch von Alkohol und Tabak schließen ließ.
»Hallo«, antwortete Meredith ein wenig verlegen.
»Ich bin für ein paar Tage zu Besuch im Dorf …«
»Ja«, antwortete Mrs Warren, als würde sie jede richtige Antwort auf einer Liste abhaken. Meredith verlor vorübergehend den Faden und verstummte. Sadie wusste offensichtlich bereits Bescheid. Wahrscheinlich wusste sie eine Menge mehr über Meredith und Alan als umgekehrt. Meredith musste vorsichtig sein. Wusste Sadie beispielsweise auch, dass sie Rookery House besichtigt hatten? Ja, wahrscheinlich sogar das, weil Bruce und Ricky häufig bei ihr zu Besuch waren – ergo auch die Mutter der beiden. Wusste sie, dass Alan bei der Polizei war? Möglich. Vielleicht hatte die verstorbene Florence Danby von ihrem Neffen, seiner Frau und ihrer Familie erzählt. Gab es irgendetwas, das mit Parsloe St. John in Verbindung stand, von dem Sadie nichts wusste? Wahrscheinlich nicht.
»Ich dachte … ich suche ein Souvenir, das ich mit nach Hause nehmen kann«, begann Meredith.
»Nicht für mich, sondern für die Nichte meines Freundes.«
»Das wäre dann das kleine Mädchen …«, erwiderte Sadie im gleichen Ton wie vorhin, »das kleine Mädchen, das so in Pferde vernarrt ist?«
»Ja, Emma.« Mein Gott, die Frau wusste alles! Es war unheimlich. Hatte sie vielleicht irgendwo eine Kristallkugel stehen, zusammen mit all den anderen Paraphernalien des Hexenhandwerks? Nein, entschied Meredith. Florence Danby hatte im Dorf geschwatzt. Abgesehen davon waren Paul, Laura und die Kinder bestimmt häufig genug in Parsloe St. John gewesen, und Sadie hatte Emma und die anderen Kinder gesehen. Meredith riss sich zusammen. Ihre Fantasie drohte mit ihr durchzugehen.
»Emma«, sagte sie, und es entsprach der Wahrheit, »Emma sammelt allerlei merkwürdige Dinge aus Porzellan. Wenn es etwas ist mit einem Pferdebild darauf, umso besser. Wenn nicht, irgendein anderes Tier tut es auch. Oder eine Tierfigur. Ich hab durch das Schaufenster gesehen, dass Sie …« Ihr Blick schweifte auf das ungewöhnliche Sammelsurium von Kuriositäten im Regal hinter der Theke.
»Ich meine, Sie scheinen tatsächlich alles zu haben, wie der Name schon sagt«, beendete sie ihren Satz ein wenig lahm. Sadie nickte und drehte sich zum Regal um.
»Nun, wollen mal sehen. Im Augenblick haben wir nichts mit Pferden, fürchte ich. Nein, warten Sie.« Sie kramte in dem von einer dicken Staubschicht überzogenen Nippes und zog ein Teil hervor.
»Wie wäre es hiermit?« Sie stellte eine Plastikschachtel auf den Tresen. Sie trug die Aufschrift Kinderstickkasten und enthielt ein Stückchen Baumwollstoff mit einem grob aufgemalten Pferdekopf, ein paar Röllchen bunter Fäden, eine Durchziehnadel und ein kleines Papierbriefchen.
»Sämtliche Anweisungen stehen da drin«, sagte Sadie.
»Es ist etwas Lehrreiches. Wenn sie mit dem Sticken fertig ist, kann ihre Mutter es rahmen lassen. Kinder sollten ermutigt werden, etwas zu erreichen, jedenfalls ist das meine Überzeugung.« Meredith hatte keine Einwände. Sadie kramte weiter in ihren Regalen und zog aus den unterschiedlichsten Ecken und Winkeln kleine Dinge hervor.
»Hier ist ein kleiner Spaniel aus Keramik, recht süß … oh, ein Stück ist abgesprungen. Den werden Sie bestimmt nicht wollen … wenn doch, könnte ich Ihnen einen Preisnachlass von fünfzig Prozent gewähren … Ein Aschenbecher mit einer Katze? Nein, man sollte Kinder nicht zum Rauchen ermutigen. Sie fangen sowieso viel zu früh damit an, wenn niemand es ihnen verbietet, wie die beiden da draußen.« Sadie nickte zur Straße und meinte wohl Ricky und Bruce, die beiden Kinder von Janine Catto.
»Woher bekommen sie denn die Zigaretten?«, fragte Meredith schockiert. Die Catto-Geschwister waren wirklich noch ziemlich jung.
»Ich nehme an, sie klauen sie«, sagte Sadie.
»Nicht von mir. Ich habe ein Auge auf die beiden, wenn sie mich besuchen kommen. Nun ja, etwas mit Tieren …«
»Was ist das?«, fragte Meredith unvermittelt und deutete auf etwas an der Wand. Sadie drehte sich um.
»Oh. Das ist ein Bild«, antwortete sie auf ihre nüchterne Art.
»Aber was zeigt es?« Das Bild, das Merediths Aufmerksamkeit erweckt hatte, hing an der Wand links neben den Regalen. Rechts davon war ein blauer Perlenvorhang, der den Laden von den hinteren Räumlichkeiten abtrennte. Es war nicht zu erkennen, ob das Bild zum Verkauf stand. Es trug kein Preisschild – und es war, wie Meredith bemerkte, recht sauber im Gegensatz zu den restlichen Dingen, die in diesem schmuddeligen Laden standen, hingen oder lagen. Es sah nach Laienkunst aus, und dem Aussehen nach zu urteilen, war es in der Gegend von Parsloe St. John gemalt worden. Das Thema war eine freie Wiese, umgeben von Bäumen – und mitten in der so geschaffenen Landschaft zwei eigenartige, nicht identifizierbare graue Gestalten. Diese Gestalten waren es, die Meredith mit ihrer Frage gemeint hatte. Auf irgendeine undefinierbare Weise schien Sadie näher zu rücken. Ihr Lächeln war verschwunden, ihre Augen waren leer, und sie stand steif aufgerichtet in ihrem blauen Zelt.
»Das ist der ›Stehende Mann und seine Frau‹.« Unwillig trat sie zu dem Bild und deutete auf die beiden grauen Gestalten.
»Es ist ein altes Monument und steht unter Denkmalschutz. Es ist auf der Generalstabskarte eingezeichnet. Wie Stonehenge, wissen Sie, nur ein wenig kleiner. Die Namen sind schon sehr alt. Sie haben schon immer so geheißen.« Sie deutete auf den näheren der beiden Steine im Bild.
»Das hier ist der Stehende Mann.« Ihre plumpe kleine Hand fiel schlaff herab.
»Das andere ist seine Frau.«
»Das wäre ein Souvenir!«, sagte Meredith. Sadie schüttelte hastig den Kopf.
»Das mögen Sie bestimmt nicht. Es gibt keine Pferde, überhaupt keine Tiere darauf zu sehen.«
»Nicht für Emma, sondern für mich. Es gefällt mir. Was kostet es?«
»Es ist nicht zu verkaufen!« Sadie Warren zögerte.
»Es ist ein Geschenk, verstehen Sie, zu meinem Geburtstag. Von einem alten Freund obendrein. Ich habe es hier aufgehängt, weil ich es mag.«
»Zu schade, wirklich. Ist der Künstler aus dieser Gegend?« Erneutes Zögern.
»Mervyn Pollard. Der Gastwirt vom King’s Head. Er malt ein wenig.« Meredith hatte alle Mühe, sich ihr Erstaunen nicht anmerken zu lassen. Sie erinnerte sich deutlich, wie ungeschickt der Mann die Teller gehalten hatte. Diese Schaufel von einer Hand mit den dicken, plumpen Fingern sollte einen Pinsel halten können? Offensichtlich.
»Vielleicht hat er noch so ein Bild, meinen Sie nicht? Wenn ich ihn frage, ob er es verkauft?«
»Vielleicht.« Sadie klang ein wenig gereizt. Meredith fragte sich, ob der ›Stehende Mann und seine Frau‹ bei einem späteren Besuch von WIR-HABEN-ALLES immer noch dort an der Wand hängen würde, wo das Bild neugierigen Kunden ins Auge fallen konnte. Sadie wartete.
»Ich nehme den Stickkasten, wenn es recht ist.« Meredith deutete auf das Kästchen und zückte ihre Geldbörse.
»Er wird dem kleinen Mädchen gefallen«, sagte Sadie, als würde sie Emmas geheimste Gedanken kennen – und das war offensichtlich genau der Eindruck, den Sadie zu erwecken trachtete, dachte Meredith. Und seit langer Zeit erfolgreich erweckt, deswegen ihr Ruf in diesem Dorf.
»Eigenartig«, sagte Meredith, während sie die Papiertüte mit ihrem Einkauf in die Hand nahm, »wie kleine Mädchen immer wieder verrückt nach Pferden sind, finden Sie nicht? Wenn ich richtig informiert bin, ist die kleine Julie Crombie hier aus dem Dorf nicht anders.«
»Sie schlägt sich ganz ausgezeichnet bei den Turnieren in der Gegend«, stimmte Sadie ihr zu und nickte.
»Aber sie hat auf Mrs Smeatons Pony reiten gelernt, ist das richtig? Das war sehr freundlich von Mrs Smeaton, nicht wahr? Wirklich schade, diese Geschichte mit ihrem Pony. Ich kann mir denken, dass Julie ganz untröstlich war, als es starb.«
»Es war ein Unfall«, sagte Sadie.
»Es hat irgendein giftiges Kraut gefressen.« Sie ging zur Tür.
»Beide Male Unfälle. Auch als die alte Dame die Treppe runtergefallen ist.« Sie öffnete Meredith die Tür und stellte sich wartend daneben. Meredith verstand den Wink und ging. Markby hatte sich von Wynne sagen lassen, wo er das Haus des Tierarztes finden konnte, und machte sich kurz nach Meredith auf den Weg. Er war mit weitaus weniger Begeisterung an die Aufgabe gegangen als Meredith. Die ganze Geschichte war ihm peinlich. Wie konnte er einfach dort auftauchen und nach dem toten Pony fragen? Welchen Grund konnte er für sein Interesse vorgeben? Würde Armitage es als Kritik an seinen ärztlichen Fähigkeiten auffassen?
»Verdammt«, murmelte Markby, während er durch die engen Straßen stapfte, ohne von dem schönen, frischen Morgenwetter, das Meredith so genossen hatte, Notiz zu nehmen.
»Ich hätte mich nie dazu überreden lassen dürfen. Ich muss zum Arzt und mir den Kopf untersuchen lassen!« Das Haus des Tierarztes stand weiter unten auf dem Hügel, am Rand des alten Dorfs, unmittelbar vor der Grenze zu dem kleinen, ordentlich angelegten Viertel der Sozialbauten und der Neubausiedlung dahinter. Das Haus war aus grauem Feldstein erbaut und stand hinter einer hohen Mauer. Ein breites Tor gewährte den Durchgang zu einem Kiesweg, der zum Haus und einem Vorplatz führte. Als Markby das Tor durchschritt, hörte er jemanden fluchen. Kein ordinäres Durchschnittsfluchen, sondern eine reiche Vielfalt von Schimpfworten, die auf großen Zorn oder Schmerz hindeuteten. Er bemerkte einen angebauten Carport neben dem Haus, unter dessen Dach ein Range Rover geparkt stand. Direkt vor und neben dem Wagen standen ein Mann und eine Frau. Die Frau rang die Hände, und der Mann schüttelte die Fäuste gen Himmel. Die Vordertür des Hauses stand offen und legte nahe, dass die beiden gerade aus dem Haus gekommen waren. Das mussten Armitage und seine Frau sein, jedenfalls nahm Markby das an. Er öffnete den Mund, um sie anzurufen, doch dann zögerte er und sog prüfend die Luft ein. Er bemerkte einen starken Geruch nach Chemikalien, den er im Augenblick nicht identifizieren konnte. Die Frau hatte ihn gehört, als er über den Kies schritt. Sie drehte sich zu ihm um, und ihr einfaches Gesicht war verzerrt vor Bestürzung.
»Oh«, sagte sie.
»Oh, sind Sie von der Polizei?« Es war, wie Markby hinterher dachte, als wäre die Feuerwehr zum Brandort gekommen, bevor das Feuer überhaupt ausgebrochen war.
»Ja und nein«, sagte er einigermaßen verlegen.
»Ich bin zwar Polizist, aber ich wusste nicht, dass Sie die Polizei erwarten. Haben Sie nach der Polizei gerufen?« Der Mann wirbelte herum, ein gut aussehender, dunkelhaariger Bursche, etwa in Markbys Alter.
»Verdammt noch mal ja, wir haben die Polizei gerufen!«, brüllte er.
»Und wenn Sie nicht auf unseren Ruf hin gekommen sind, was machen Sie dann hier?«
»Was gibt es denn für Probleme?«, fragte Markby höflich und näherte sich weiter. Der Gestank nach Chemikalien wurde stärker.
»Probleme?«, brüllte Armitage.
»Sehen Sie selbst!« Er trat beiseite, sodass Markby der Blick auf den Range Rover nicht mehr versperrt wurde. Es war ein sehr schönes Fahrzeug gewesen, dessen Anblick nun völlig ruiniert war. Ein breiter Streifen Blasen werfender, abblätternder Farbe zog sich über das Dach und markierte den Weg einer Masse aus blubberndem weißem Schaum, der an einer Seite heruntertroff. Die Hauptmenge hatte sich geteilt, und verschiedene Fäden suchten sich einen eigenen Weg über den Lack, dem Boden entgegen. Das Ganze stank unbeschreiblich.
»Abbeizer!«, sagte Markby, als er den Geruch endlich erkannte.
»Vandalismus!«, brüllte Armitage.
»Reiner, bösartiger Vandalismus!«
»Wer sollte denn so etwas tun?«, flüsterte seine Frau fassungslos.
»Hooligans! Ich werde diese Halunken ins Gefängnis bringen! Wo bleiben nur die verdammten Bullen? Hey, hören Sie …« An dieser Stelle schien Armitage einzufallen, was Markby eingangs gesagt hatte.
»Wenn Sie ein Polizist sind, dann müssen Sie eben ran.«
»Verzeihung, aber nein. Nicht, wenn Sie bereits die einheimische Polizei informiert haben. Ich bin zwar Polizist, aber ich bin auf Urlaub hier. Ich bin wegen einer ganz anderen Sache vorbeigekommen, aber jetzt ist offensichtlich nicht der richtige Zeitpunkt dazu. Ich komme später noch einmal zurück.«
»Nein, warten Sie!« Armitage packte Markby am Ärmel.
»Sie sind im Augenblick der einzige Beamte in der Nähe, und ich möchte, dass Sie hier bleiben!«
»Sie sind da!«, sagte Mrs Armitage.
»Ich meine die anderen, die richtigen – nein, entschuldigen Sie bitte. Ich meine die Polizisten, die ich angerufen habe.« Mit Erleichterung sah Markby, dass ein Streifenwagen in die Einfahrt einbog und auf dem Kiesweg zum Stehen kam. Zwei junge Beamte stiegen aus.
»Dann sind Sie ja in guten Händen …«, sagte er und wollte sich unauffällig davonstehlen. Wenn diese beiden jungen, eifrigen Burschen, die ihnen zielstrebig entgegenkamen, Markby danach fragten, wer er war, würden sie sich wahrscheinlich wundern, was ein Superintendent hier zu suchen hatte.
»Bitte bleiben Sie«, flehte Mrs Armitage und besiegelte damit sein Schicksal.
»Rory ist in einem schrecklichen Zustand, und vielleicht fängt er an, mit diesen beiden jungen Beamten zu schreien und bringt sie gegen sich auf. Sie könnten alles erklären.«
Am Ende blieb es sich gleich, und er musste nichts erklären. Armitage beruhigte sich so weit, dass er einigermaßen zusammenhängend über die Situation berichten konnte. Er war nach dem Frühstück aus dem Haus gekommen und wollte mit dem Range Rover zur Tankstelle fahren – er tankte regelmäßig voll, da er nie wissen konnte, ob er nicht irgendwann mitten in der Nacht zu einem Notfall gerufen wurde. Jedenfalls, er war aus dem Haus gekommen und hatte die Bescherung gesehen. Er hatte seine Frau Gill gerufen, und sie war nach draußen gerannt, und während sie noch dagestanden und die Bescherung angesehen hatten, war dieser Gentleman dort eingetroffen und …
An dieser Stelle lenkte ein ausgestreckter Zeigefinger die Aufmerksamkeit sämtlicher Anwesender auf Markby, der sich nach Kräften Mühe gab, den Anschein eines unbeteiligten Dritten zu erwecken. Die beiden jungen Beamten sahen ihn oberflächlich prüfend an und beließen es dabei. Er war kein Zeuge, sondern erst nach der Tat hinzugekommen. Er konnte ihnen nichts Wichtiges sagen. Markby seufzte vor Erleichterung.
Rory Armitage tobte weiter. Jawohl, er parke immer hier unter dem Carport. Ja, er besaß eine richtige Garage, doch seine Frau parke ihren Wagen darin. (
»Nicht wahr, Gill?«) Es war eine kleine Garage, und der große Range Rover passte nur sehr knapp hinein. Armitage hatte Angst, sich den Lack zu verschrammen, deswegen benutzte er den Carport. Man stelle sich nur vor! Angst vor einem kleinen Kratzer, und nun das! Nein, er hatte nichts gehört. Seine Frau ebenfalls nicht. (
»Oder hast du etwas gehört, Gill?«) Und nein, er hatte keine Ahnung, wer das gewesen sein könnte. (
»Oder du vielleicht, Gill?«) Nein, es hatte bisher nie Anschläge auf ihr Eigentum gegeben. Und was zur Hölle gedachte die Polizei nun deswegen zu unternehmen?
Die Polizisten warteten geduldig, bis Armitage erschöpft war, schrieben alles nieder und sagten, sie würden sich wieder melden. Mit diesem schwachen Trost musste sich der Tierarzt zufrieden geben. Er sah den beiden Beamten hinterher, als sie wegfuhren.
»Und dafür bezahle ich meine Steuern!«, polterte er aufs
Neue los.
»Du meldest die Sache besser gleich der Versicherung!«, empfahl seine Frau.
»Ja, ja …« Armitage verzog das Gesicht, dann blickte er zu Markby.
»Verzeihung, wer, sagten Sie, sind Sie noch gleich? Was wollten Sie von mir? Handelt es sich um ein krankes Tier?«
»Nein«, entgegnete Markby.
»Um ein totes. Es geht um Mrs Smeatons Pony.«
»Ich kannte Olivia ziemlich gut«, sagte Armitage.
»Ich meine, sofern man von ›kennen‹ reden kann. Keiner aus dem Dorf kannte sie enger. Sie gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die viele Leute um sich haben.«
Sie saßen in einem behaglichen, wenngleich unordentlichen Wohnzimmer. Rory lümmelte sich in einem Lehnsessel, und seine Frau Gill hatte Kaffee aufgesetzt und brachte ihn nun auf einem Tablett herein, das sie auf dem Wohnzimmertisch abstellte. Sie reichte dem Besucher einen Becher, einen weiteren ihrem Mann und nahm sich dann selbst einen, bevor sie sich setzte.
»Ich glaube«, sagte sie, »dass Olivia mehr mit diesem Pony befreundet war als mit irgendeinem Menschen auf der Welt. Das ist doch nicht gesund, oder?« Sie funkelte Rory an, der lautstark Kaffee schlürfte.
»Ich weiß genau, was Sie meinen, Mrs Armitage«, sagte Markby.
»Doch es gibt viele Menschen, die keine richtigen Freunde haben außer einem Tier. Selbstverständlich ist es traurig, wenn diese Situation durch Einsamkeit hervorgerufen wird, doch manchmal entscheiden sie sich aus freien Stücken dafür, vielleicht, weil sie das Vertrauen in die Menschen verloren haben.«
»Aber Olivia hätte Freunde haben können! Menschen, die sich etwas aus ihr machten! Sie hatte keinen Grund, einem von uns gegenüber so misstrauisch zu sein. Wir haben ihr nie etwas getan. Sie wollte keine Freunde, das war es. Sie mochte Rory, aber das war auch schon alles«, fügte Gill Armitage abschließend hinzu.
»Mich mochte sie nicht sosehr, aber das lag vielleicht daran, dass ich sie für eine launische alte Schachtel gehalten habe, und ich wage zu behaupten, dass sie meine Meinung kannte!«
»Ach Gill, komm schon!«, protestierte ihr Ehemann.
»Du warst immer nett zu ihr!«
»Ja, das war ich. Trotzdem, Olivia hatte einen messerscharfen Verstand. Sie wusste ganz genau, was ich von ihr dachte.« Markby wandte sich dem Tierarzt zu.
»Was war die Ursache für den Tod des Ponys?«
»Es hat Kreuzkraut gefressen«, antwortete Armitage knapp.
»Kreuzkraut ist giftig. Es verursacht Leberschäden.«
»Kein Zweifel?«
»Nicht der geringste. Ich habe den Mageninhalt zur Analyse ins Labor geschickt.« Armitage beugte sich vor und stellte seinen Kaffeebecher ab.
»Hören Sie, ich verrate Ihnen, was meiner Meinung nach passiert ist, auch wenn es in gewisser Hinsicht peinlich für mich ist. Jeder Tierarzt kann Ihnen etwas über ältere Menschen erzählen, die ihr Herz an ein altes, kränkelndes Haustier gehängt haben. Olivias Pony war zweiundzwanzig Jahre alt. Sie besaß es zwölf Jahre lang. Es war ein sehr heißer Sommer, kaum erträglich für Menschen wie für Tiere. Als Olivia mich anrief und mir sagte, dass ihr Pony lustlos wirkte, war ich nicht überrascht. Ich hatte schon lange darüber nachgedacht, dass es wohl nicht mehr ewig leben würde, und wenn der Tag kam, würde es ein Schock für Olivia werden. Ich hatte sogar ein kurzes Gespräch deswegen mit ihrem Hausarzt, Tom Burnett. Tom war der gleichen Meinung. Es würde für Olivia schrecklich werden, wenn der Tag kam, an dem das Pony eingeschläfert werden musste oder von alleine starb. Uns war beiden nicht entgangen, dass Olivia im Verlauf der letzten zwölf Monate sehr gebrechlich geworden war, auch wenn sie geistig immer noch wach schien. Als ich schließlich das Pony sah, war sein Zustand bereits schlimm. Ich befand, dass der gefürchtete Augenblick gekommen war. Das Pony starb an Altersschwäche. Ich hatte keinen Grund, an eine Vergiftung zu denken. Es hatte seit Jahren ohne Probleme auf jener Koppel gestanden, und ich hatte noch keine anderen Fälle, die mich gewarnt hätten. Ich sprach mit Tom Burnett darüber, und während wir diskutierten, wie wir es Olivia am schonendsten beibringen konnten, starb ihr Pony.« Rory errötete und wand sich unbehaglich.
»Es war auch für mich ein Schock«, fuhr er dann fort.
»Ich hatte nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde. Ich begann zu vermuten, dass ich etwas übersehen hatte. Ich erhielt Olivias Genehmigung, das Tier zu obduzieren. Was ich fand, machte mich misstrauisch, und so schickte ich den Mageninhalt zur Analyse ins Labor. Sie kannten Olivia nicht, Mr Markby, aber glauben Sie mir, sie mochte vielleicht nach außen hin alt und gebrechlich erscheinen, doch innerlich war sie eisern, und wenn sie sich zu etwas entschlossen hatte, dann meinte sie es ernst. Als ich vorsichtig den Verdacht äußerte, dass ihr Pony vielleicht etwas Giftiges gefressen hatte, konnte sie es nicht ertragen. Sie war wütend, weil sie unbegründeterweise dachte, es würde ein schlechtes Bild auf ihre Fürsorge für das Tier werfen. Sie war genauso begierig auf das Ergebnis der Analyse wie ich, weil sie mir beweisen wollte, dass ich mich geirrt hatte. Sie beschloss außerdem, es auf ihrer Koppel zu begraben. Ich versuchte, ihr das auszureden. Der Kadaver war bereits in Verwesung übergegangen. Ich dachte, es wäre am besten, wenn die Abdecker kämen und es mitnähmen. Doch sie blieb eisern, und weil sie zunehmend untröstlich wurde, drängte Tom mich, mitzuspielen und etwas zu arrangieren. Also gab ich nach und rief die Berrys an. Es war ein ziemliches Palaver, glauben Sie mir. Ich musste erst sicherstellen, dass wir über dem Grundwasser waren und keine öffentlichen Quellen vergifteten, und selbst dann konnten wir das Loch nicht ohne die Hilfe eines Baggers ausheben, weil der Boden so knochentrocken und hart war. Max Crombie hat uns den Bagger mitsamt Fahrer geliehen. Das heiße Wetter war schuld daran, dass der Boden wie Eisen war. Das wenige übrig gebliebene Gras muss das Pony dazu getrieben haben, vom Kreuzkraut zu fressen.« Rory Armitage starrte mit gerunzelter Stirn in seinen Becher. Seine Frau Gill öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch dann überlegte sie es sich anders und schloss ihn wieder.
»Und?«, fragte Markby.
»Waren Sie zufrieden, als die Analyse des Labors Ihren Verdacht bestätigte?« Armitage rutschte unbehaglich in seinem Sessel hin und her.
»Nicht ganz. Die Sache ist die, wir – das heißt Gill und ich – haben die gesamte Koppel abgesucht, und wir fanden nicht eine einzige Kreuzkrautpflanze dort draußen. Ich hätte wirklich erwartet, einige zu finden. Aber es war keine da, und niemand konnte Kreuzkraut auf der Koppel oder auf den Feldern in der Umgebung finden. Das Zeug wächst bei uns in der Gegend, doch es ist nicht gerade häufig anzutreffen. Die meisten Leute mit Lebendvieh kennen es und reißen es aus, sobald es erscheint. Die Kleine von Max Crombie, Julie, hat Stunden damit verbracht, ihre Koppel abzusuchen, nachdem Olivias Pony gestorben war. Sie hat nichts gefunden.« Armitage blickte unvermittelt auf. In seinen Augen funkelte Misstrauen.
»Warum wollen Sie das alles wissen?« Zurückhaltend erklärte Markby die Geschichte, so gut er konnte.
»Verstehen Sie«, schloss er, »es ist möglich, dass jemand das Pony absichtlich damit gefüttert hat. Eine Art Vandalismus, genau wie der Abbeizer auf Ihrem schönen neuen Wagen.«
»Grauenhaft!«, rief Gill Armitage aus.
»Was für ein kranker Irrer!« Ihr Mann blickte zweifelnd drein.
»Ich weiß, dass Pferde auf ihren Koppeln angegriffen werden. Es ist ein merkwürdiges Phänomen, doch im Allgemeinen verursachen die Angreifer äußere Verletzungen – häufig in sexuell signifikanter Weise. Gift kommt nur selten vor. Es sei denn, irgendjemand wollte freundlich zu dem Tier sein und wusste nicht, wie gefährlich das Kreuzkraut für Pferde ist. Er hat es ahnungslos damit gefüttert.« Dann schüttelte Armitage den Kopf.
»Aber nein. Der Täter oder die Täterin hätte es irgendwo an einem anderen Ort pflücken und damit zur Koppel von Olivias Pony gehen müssen, um es zu füttern. Andererseits, wenn es böse Absicht war – wer um alles in der Welt sollte gegen eine alte Frau wie Olivia, die noch dazu so zurückgezogen lebte, so einen tiefen Groll hegen?«
»Ich kann nicht anders, ich muss immer denken, dass das, was mit dem Pony geschehen ist, zu Olivias Tod geführt hat«, sagte Gill Armitage.
»Oder zumindest zu dem Unfall. Sie wissen, dass sie die Treppe in ihrem Haus hinuntergestürzt ist, Mr Markby? Es war am gleichen Wochenende, an dem das Pony begraben wurde. Offensichtlich hat sie nur daran denken können und nicht so auf die Stufen geachtet, wie sie es hätte tun sollen.« Sie zögerte verlegen.
»Jedenfalls ist das meine Theorie.«
»Waren Sie zufälligerweise bei der Gerichtsverhandlung zur Feststellung der Todesursache von Olivia Smeaton anwesend?«, fragte Markby. Rory Armitage setzte sich mit einem Ruck auf.
»Hey! Sie wollen doch wohl nicht andeuten, dass es bei diesem Sturz nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, oder? Die arme alte Frau ist die Treppe runtergefallen, genau wie Gill es gesagt hat.«
»Wir waren beide dort«, antwortete Gill Armitage.
»Die Polizei hatte den Unfall sehr genau untersucht. Es gab keinerlei Anzeichen, dass jemand in Rookery House eingebrochen war. Alle Türen waren abgesperrt, als Janine Catto, Olivias Haushälterin, am Montagmorgen zur Arbeit kam. Sie hat einen eigenen Schlüssel, mit dem sie die Tür aufschloss. Sie fand Olivia am Fuß der Treppe. Sie lag dort, kalt und regungslos. Janine rannte über die Straße zu Tom Burnett, unserem Dorfarzt. Er lebt gegenüber in der alten Pfarrei. Tom schätzte, dass Olivia bereits seit achtundvierzig Stunden tot war. Sie trug die gleichen Sachen wie am Freitag, als das Pferd begraben worden war, und vielleicht hat sich der Unfall schon kurze Zeit, nachdem wir sie verlassen haben, ereignet.« Rory blickte elend drein.
»Ich fühle mich ganz mies. Einer von uns hätte sich am Wochenende bei ihr melden sollen. Sie anrufen und fragen, wie es ihr geht. Ich hätte es tun sollen.«
»Mach dir keine Vorwürfe, Rory«, widersprach seine Frau.
»Tom Burnett hätte ebenso gut zu ihr gehen können. Er ist ihr Arzt, und er wohnt nur ein paar Schritte von ihr entfernt. Du bist nur der Tierarzt, und du hast deine Pflicht mit ihrem Pony erfüllt. Du hattest eine Ruhepause verdient nach der harten Arbeit.«
»Ich wusste, dass sie ganz außer sich war. Und du weißt, wie sehr Tom mit seiner jungen Familie beschäftigt ist. Nein, ich hätte mich bei ihr melden müssen. Es wäre nur anständig gewesen, und vielleicht hätte es ihr Leben retten können.« Armitage blickte Markby trotzig an. Er schien entschlossen, sich die Schuld zu geben, und er tat dies mit einer Vehemenz, die jedes Argument dagegen sinnlos erscheinen ließ. Markby räumte ein, dass er nicht ganz Unrecht hatte. Armitage hatte gewusst, wie sehr der Tod des Ponys der alten Dame zu schaffen machte, und irgendjemand hätte sich im Verlauf des Wochenendes bei ihr melden sollen. Aber niemand hatte daran gedacht – oder?
»Ich habe gehört«, sagte Markby, »dass Mrs Smeaton Pantoffeln mit einer losen Sohle getragen hat und dass diese Pantoffeln den Unfall verursacht haben sollen?« Gill Armitage nickte.
»Die Sohle muss beim Gehen umgeknickt sein. Sie war sowieso nicht mehr sicher auf den Beinen, wie Rory erzählt hat. Ein Teil der Balustrade war gebrochen …« Gill runzelte die Stirn.
»Es gab keinerlei Verdachtsmomente, keinen Hinweis, dass es sich um etwas anderes als einen Unfall gehandelt haben könnte. Das hat jedenfalls der Coroner gesagt.«
»Ich möchte nichts Gegenteiliges andeuten, verstehen Sie mich nicht falsch«, versicherte Markby ihnen.
»Es ist nur so … offen gestanden, Wynne Carter hat mich bedrängt. Sie ist sehr aufgebracht wegen Olivias Tod. Sie hat in den Wochen vor Olivias Tod immer wieder bei der alten Dame angerufen und sie ein wenig näher kennen gelernt. Jetzt kann man nichts mehr daran ändern, wie ich ihr ständig sage.«
»Olivia hat Rory in ihrem Testament bedacht«, bemerkte Gill.
»Sie war sehr freundlich.«
»Nur ein Tausender!«, beeilte sich Armitage zu sagen. Er machte eine ärgerliche Geste.
»Nicht, dass ich das Geld nicht gerne genommen hätte oder dass ein Tausender nichts wert ist! Aber es ist auch kein Vermögen. Niemand hat Olivia etwas Böses gewollt. Das ist es ja auch, warum es so, so … verrückt erscheint. Ein verrückter Gedanke, dass jemand das Pony vergiftet haben soll!« Er zuckte die Schultern.
»Andererseits kann ich mir auch nicht vorstellen, warum jemand einen Anschlag auf uns verüben sollte.«
»Ein Unbekannter hat die Blumen in Wynne Carters kleinem Vorgarten ausgerissen und die Beetumrandung zerstört. Es ist vielleicht nicht das Gleiche wie ein Pferd zu vergiften oder Abbeizer über ein Auto zu kippen, aber es legt die Vermutung nahe, dass der Übeltäter ein leichtes Ziel sucht. Das Pony auf seiner einsamen Koppel, unsichtbar vom Haus aus. Ihr Wagen in dem offenen Carport neben dem Haus. Wynne Carters Blumenbeet …« Alle schwiegen.
»Das gefällt mir nicht«, sagte Rory Armitage schließlich leise.
»Irgendjemand hat es auf uns alle abgesehen, was meinen Sie?« Ihr wurde nachgewiesen, dass sie in der Nacht den gehenkten Toten die Gliedmaßen abschnitt, und man hat gesehen, wie sie Löcher in die Erde grub und beschwörende Worte murmelte und Stücke von Fleisch verscharrte, wie es die Hexen üblicherweise tun. Hexenkunst beschrieben und erklärt, A. D. 1709
KAPITEL 8
DAS INNERE des Ladens war beklemmend eng gewesen, und Meredith war froh, als sie wieder draußen in der Gasse stand. Bruce und Ricky hatten mit Fußballspielen aufgehört und tuschelten verschwörerisch miteinander. Ohne Zweifel planten sie irgendeinen Streich. Wäre Wynnes Blumenbeet nicht mitten in der Nacht zerstört worden, Meredith hätte die beiden Rabauken im Verdacht gehabt.
Sie ging durch Stable Row nach vorn zum King’s Head Pub am Anfang der Gasse. Ein Seiteneingang zum Hinterhof der Wirtschaft stand offen, und rein zufällig sah sie die schwerfällige Gestalt des Gastwirts selbst. Mervyn Pollard war gerade aus dem Haus getreten. Er trug eine Kiste mit leeren Flaschen, die er unter lautstarkem Klirren auf einen Stapel weiterer bereits im Hof aufgestapelter Kisten stellte.
Meredith drückte die Tür ein Stück weiter auf und rief:
»Guten Morgen, Mr Pollard!« Mervyn unterbrach seine Arbeit, drehte den Kopf zu ihr um und unternahm einen Versuch, sich aufzurichten. Er stand immer noch schief, wie im Schankraum seines Lokals, als hätte er eine verkrümmte Wirbelsäule. Jahrelanges Arbeiten unter der niedrigen Decke seines Lokals hatte wohl dazu geführt. Wahrscheinlich wohnte er auch in diesem Haus, in den Zimmern über dem Lokal. Im Dach waren zwei winzige, hübsch mit Spitzenvorhängen eingerahmte Mansardenfenster zu sehen. Meredith fragte sich, ob Mervyn verheiratet war. Er kam auf sie zu, während er seine breiten Schaufelhände an einer Schürze abwischte. Sie waren schwielig, und die Gelenke waren dick. Es erschien Meredith immer unwahrscheinlicher, dass diese Finger mit der zarten Spitze eines Pinsels umzugehen imstande sein sollten.
»Hallo«, sagte er freundlich.
»Machen Sie einen Rundgang durch das Dorf?«
»Sozusagen, ja. Ich war gestern Mittag bei Ihnen zum Essen.«
»Oh. Ja, ich erinnere mich. Sie waren mit Mrs Carter und diesem anderen Gentleman da.«
»Richtig.«
»Sie wohnen im Cottage, das früher Mrs Danby gehört hat, nicht wahr?« Es war zum Verzweifeln, dachte Meredith ärgerlich. Praktisch unmöglich, Informationen aus einem der Dorfbewohner zu holen. Sie kamen einem ständig zuvor, indem sie dem Fragenden Informationen lieferten, die er überhaupt nicht hören wollte. Es war eine Möglichkeit, vermutete sie, Fragen über die eigene Person und Nachbarn auszuweichen. Diesmal jedoch war sie – im Gegensatz zu ihrem Besuch bei WIR-HABEN-ALLES – darauf vorbereitet und imstande, zu kontern.
»Ich war gerade im Laden«, sagte sie unbekümmert. Mervyn hob eine buschige Augenbraue, doch bevor er etwas sagen konnte, fuhr sie fort:
»Ich habe nach einem Souvenir für ein kleines Mädchen gesucht.« Mervyn blickte sie entmutigt an.
»Wir sind hier nicht gerade auf Touristen eingestellt, wissen Sie? Andere Gemeinden machen ein Vermögen mit Fremdenverkehr. Ich habe mein Bestes getan. Sie werden es an der Speisekarte bemerkt haben. Internationale Menüs, moderne Küche.«
»Ja … Wir haben bemerkt, dass Sie eine große Vielfalt an Speisen anbieten.«
»Wir haben historische Gebäude«, fuhr der Gastwirt fort, »aber wir liegen ein wenig abseits von allen Routen. Die Hauptverkehrsstraßen führen an unserem Dorf vorbei. Es geschieht nur selten, dass sich Besucher hierher verirren.« Er betrachtete sie wie ein interessantes Exemplar einer seltenen Spezies.
»Glauben Sie mir«, sagte Meredith zu ihm, »Sie sind ohne den ganzen Verkehr und die Horden von Menschen besser dran. Überlegen Sie nur, wie sehr das Erscheinungsbild des Dorfes unter dem Tourismus leiden würde. Überall Schnellimbisse und Fastfoodläden und Teestuben und wahrscheinlich noch ein zweites Pub oder sogar ein drittes, die Ihnen Konkurrenz machen würden.« Mervyn verdrehte erschrocken die Augen.
»Ich glaube, Parsloe St. John ist genau richtig. Wenn die Menschen wirklich hierher kommen wollen, dann unternehmen sie die Anstrengung bewusst und halten nicht einfach willkürlich am Straßenrand. Es ist ein historisches Dorf, wie Sie schon sagten. Übrigens ist mir im WIR-HABENALLES ein sehr hübsches Bild aufgefallen, das ein paar Steine auf einer Lichtung zeigt. Ich glaube, es ist eine archäologische Stelle in dieser Gegend, und man hat mir gesagt, Sie hätten es gemalt.« Mervyn scharrte verlegen mit den Füßen.
»Ah. Ja, ich male hin und wieder, wenn ich eine Gelegenheit dazu erhalte.«
»Mrs Warren wollte sich nicht von diesem Bild trennen. Ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht noch andere Gemälde haben, irgendwelche Landschaftsgemälde aus dieser Gegend, die Sie verkaufen?«
»Ich habe nicht häufig Gelegenheit zum Malen«, fuhr Mervyn fort, als hätte er Merediths Bemerkung nicht gehört.
»Ein Pub zu führen ist eine Vollzeitbeschäftigung, glauben Sie mir. Selbst wenn der Laden geschlossen ist, muss er gereinigt werden, ich muss Vorräte nachkaufen, Getränke, Hunderte verschiedener Dinge und Besorgungen. Ich hatte keine Zeit mehr, ein Gemälde fertig zu stellen, seit … warten Sie, seit Anfang des Jahres! Vielleicht habe ich wieder Zeit, wenn der Winter kommt.«
»Und Sie haben nicht zufällig etwas da, das Sie vor längerer Zeit gemalt haben?«
»Nein«, erwiderte Mervyn und lächelte freundlich.
»Leider nicht.«
»Oh. Wie schade. Ich wäre nämlich durchaus bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen.«
»Ich verkaufe niemals!« Er sah sie vorwurfsvoll an.
»Ich verschenke meine Bilder – an Leute, die sie verdient haben beispielsweise. Oder Leute, denen sie gefallen.« Und das wäre beispielsweise ich, dachte Meredith.
»Nun, falls Sie je etwas malen, das ein schönes Heim benötigt …«, sagte sie.
»Oh. Ah«, sagte Mervyn.
»Ich werde dran denken.« Er sah auf seine Armbanduhr.
»Es ist gleich zehn Uhr. Ich muss das Pub öffnen. Entschuldigen Sie mich.« Er wandte sich zum Gehen, doch dann zögerte er und blickte an Meredith vorbei.
»Was gibt’s?«, fragte er, nicht an sie gewandt. Meredith drehte sich um. Ohne dass sie etwas gehört hätte, war ein junger Mann herangekommen. Er stand ein paar Schritte hinter Meredith und beobachtete sie und den Wirt des King’s Head Pubs.
»Das ist Berrys Junge«, informierte Mervyn seine Besucherin nebenbei. Der junge Mann sah genauso aus wie beim letzten Mal, mit ungesundem, blassem Teint und glatt herabhängendem Haar, misstrauisch, zaghaft, als wollte er jeden Augenblick davonlaufen. Er trug einen ausgewaschenen Pullover und stand mit eingezogenen Schultern und den Händen tief in den Hosentaschen da, als wäre ihm kalt. Als er sah, dass Mervyn von ihm Notiz nahm, fragte er nervös:
»Ist Ernie hier?«
»Ich hab noch nicht geöffnet, Kevin«, antwortete der Wirt.
»Er wird vielleicht in ein paar Minuten eintrudeln, schätze ich, falls er keinen Job hat für heute.« Kevin fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe.
»Wir haben eine Arbeit bekommen. Für Mr Crombie.«
»Dann machst du dich besser auf den Weg, Junge«, sagte Mervyn. Doch Kevin blieb stehen, wo er war.
»Haben Sie Ernie gesehen? Ich such ihn überall.« Der Wirt seufzte. Zu Meredith gewandt, sagte er:
»Der Junge ist nicht ganz richtig im Kopf, wissen Sie? Aber er ist ein guter Junge.« Lauter, sodass auch Kevin ihn hören konnte, fuhr er fort:
»Ich hab dir doch gesagt, ich hab Ernie noch nicht gesehen, seit ich letzte Nacht den Laden dichtgemacht hab, in Ordnung?«
»Er ist nicht nach Hause gekommen«, sagte der Junge.
»Aha?«, schnaubte Mervyn.
»Hat er vielleicht wieder eine Freundin?«
»Einen Augenblick«, sagte Meredith, die der Unterhaltung gefolgt war und den Jungen die ganze Zeit über beobachtet hatte.
»Damit ich das richtig verstehe – Kevin macht sich offensichtlich Sorgen. Wollen Sie sagen, Kevin, dass Sie Ihren … dass Sie Ernie seit gestern Abend nicht mehr gesehen haben? Dass er eigentlich nach Hause hätte kommen müssen, weil Sie heute Morgen einen Job für Mr Crombie erledigen sollen?« Kevin starrte sie an, während er sich ihre Worte durch den Kopf gehen ließ.
»Das is’ richtig.«
»Besser, wenn Sie die Berrys mit ihren Problemen in Frieden lassen. Mischen Sie sich nicht ein«, sagte Mervyn mit leiser, eindringlicher Stimme. Er ging durch das Tor auf die Straße und klopfte Kevin freundschaftlich auf die Schulter.
»Wenn ihr einen Job habt, dann solltest du dich auf den Weg zu Max Crombie machen. Ich wette zehn zu eins, dass Ernie dort bereits auf dich wartet, Junge. Er mag es nicht, wenn man ihn warten lässt, eh?« Kevin schüttelte den Kopf und fuhr sich erneut mit der Zunge über die Lippe.
»Dann mal los, ab mit dir!« Kevin zögerte noch einen Moment, dann wandte er sich ab und stapfte, die Hände immer noch tief in den Taschen, eilig und mit gesenktem Kopf davon.
»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden«, sagte Mervyn.
»Ich muss mein Lokal öffnen.« Er drehte sich um und begann mit großer Energie, Kisten durch den Hof zu werfen. Meredith wünschte, sie könnte dieses Bild von Igor vertreiben, der humpelnd mit einem Sack voll Leichenteile vom Friedhof zurückkehrte. Sie ging zur Straßenecke und blickte nach oben und unten, unentschlossen, was sie als Nächstes versuchen sollte. Kevin war nicht mehr zu sehen, doch plötzliches Klappern von Hufen kündigte den nächsten Dorfbewohner an: Julie Crombie auf ihrem Pony. Als sie Meredith einholte, begegneten sich ihre Blicke. Meredith versuchte ein Lächeln, und das Mädchen erwiderte es scheu.
»Hallo«, sagte Meredith.
»Du bist Julie, nicht wahr? Ich wohne im Cottage der Danbys. Du kennst doch sicher Emma, oder nicht?« Das Pony kam zum Stehen, und Julie tätschelte seine graue Mähne.
»Ja«, antwortete sie.
»Ich kenne Emma.« Sie war ein sehr hübscher Teenager. Unter der Reitmütze hing das blonde Haar in zwei langen, noch immer kindlich aussehenden Zöpfen herab, doch in ihrem Gesichtsausdruck war ein Selbstbewusstsein, das Meredith beim letzten Mal nicht hatte sehen können, weil sie zu weit entfernt gewesen war. Julie war eine junge Frau, die ganz genau wusste, dass sie hübsch war. Vielleicht hatte sie auch bereits im Kindesalter erkannt, wie attraktiv sie war, und gelernt, dies zu ihrem Vorteil einzusetzen. Ihr Vater war sicher nicht mehr als Wachs in ihren Händen. In zwei, höchstens drei Jahren würde sie andere leicht zu beeindruckende junge Herzen brechen. Meredith fragte sich, wie Max Crombie mit der Vorstellung zurechtkommen würde, dass junge Männer seiner Tochter den Hof machten.
»Keine Schule?«, fragte Meredith.
»Meine Schule hat Ferien«, antwortete Julie.
»Oh«, sagte Meredith.
»Und auf welche Schule gehst du?«
»Auf die St. Faith’s Mädchenschule.« Julie zögerte.
»Ich bin Internatsschülerin.« Also kein Umgang mit dem gewöhnlichen Pöbel für Max Crombies kleines Töchterlein. Eine Privatschule, kostspielige Internatsgebühren und ein sozialer Umgang, der weit abseits von Parsloe St. John lag. Das konnte sich auf lange Sicht auszahlen, vielleicht aber auch nicht. Meredith tätschelte den Hals des Ponys.
»Mrs Carter hat mir erzählt, du hättest viele Erfolge bei den Turnieren in der Umgebung.« Julie wurde rot vor Verlegenheit und entschied sich klugerweise gegen eine Antwort. Meredith unternahm einen zweiten Anlauf.
»Ich habe gehört, du hättest auf Mrs Smeatons altem Pony reiten gelernt.« Es tat ihr auf der Stelle Leid. Die Teenager-Raffinesse, die Julie erst vor so kurzer Zeit erlangt hatte, war schlagartig wie weggewischt, und sie war wieder ein kleines Mädchen. Ihre Augen wurden feucht, und sie sah hastig beiseite in der Hoffnung, dass Meredith es nicht bemerkte. Ihr ersticktes
»Ja« war kaum zu hören.
»Ich hätte nicht davon anfangen sollen.« Die Zerknirschung in Merediths Stimme war echt, und Julie sah sie wieder an.
»Es ist schon gut. Es macht mich traurig, aber ich habe mich inzwischen damit abgefunden.«
»Du hast nichts von diesem Kraut auf deiner Koppel gefunden, nicht wahr?« Ihre blonden Zöpfe flogen energisch hin und her.
»Nein! Wir haben alles abgesucht. Es war einfach Pech, dass dieses Zeug irgendwo auf Fireflys Koppel wuchs und er davon gefressen hat.« Sie zögerte.
»Ich vermisse Mrs Smeaton. Sie wusste eine Menge über Pferde.«
»Sie wusste auch eine Menge über Autos. Sie war in ihrer Jugend Rallyefahrerin, wusstest du das?« Doch Autos waren für Julie ohne jedes Interesse. Sie blickte unsicher drein.
»Mrs Smeaton hat nie darüber gesprochen. Wenn ich bei ihr war, haben wir immer nur über Pferde geredet.«
»Ich verstehe. Nun denn, ich wünsche dir weiterhin viel Glück bei deinen Turnieren.«
»Danke sehr.« Julie hob grüßend die Hand und schnalzte mit der Zunge. Bevor Julie weiterritt, war Meredith nicht bewusst gewesen, dass der Lärm, den Mervyn auf seinem Hof veranstaltete, aufgehört hatte. Nun drehte sie den Kopf und sah zurück. Der Wirt stand im Toreingang und hatte Meredith und Julie offensichtlich nicht nur beobachtet, sondern auch ihre Unterhaltung belauscht. Als er Merediths Blick bemerkte, drehte er sich um und kehrte in den Hof zurück. Meredith ging weiter. Sie fühlte sich irgendwie unruhig. Sie war nicht sicher, wohin sie als Nächstes gehen sollte, und getreu dem Grundsatz, dass eine neue Gegend vielleicht etwas von Interesse bieten konnte, wandte sie sich den Hang hinunter, wo die neueren Gebäude von Parsloe St. John standen. Sie kam an den Sozialwohnungen vorbei und gelangte schließlich zum Neubaugebiet. Es war noch nicht voll bebaut; noch immer stand die große Tafel des Bauunternehmers dort, und Wimpel flatterten im Wind. Sie wanderte durch die Straße. Es schien ihr unwahrscheinlich, dass es noch unverkaufte Häuser gab. Die Gebäude waren auf ihre Art hübsch; der Architekt hatte sich alle Mühe gegeben, sie durch ihre Fronten aus gelbem Ziegelstein traditionell aussehen zu lassen. Die Vorgärten waren nicht eingezäunte Streifen aus nackter Erde, und die Gärten hinter den Häusern waren ebenfalls sehr klein. Allerdings besaß jedes Haus eine Doppelgarage – Prioritäten ändern sich. Die einzige lebende Person in der Nähe war damit beschäftigt, den Wagen zu waschen.
»Guten Morgen«, rief der Mann ihr freundlich entgegen.
»Suchen Sie jemanden?« Meredith saugte sich eine halbwegs plausible Antwort aus den Fingern.
»Das Vikariat. Ich glaube, es muss hier irgendwo sein.« Er wrang einen Schwamm aus, und Wasser spritzte auf die Einfahrt.
»An der nächsten Ecke links, Sie können es gar nicht verfehlen. Ein Schild steht davor.«
»Danke sehr. Sie wissen auch den Namen des Vikars, nehme ich an?« Er runzelte die Stirn.
»Kann ich nicht sagen, nein.« Er wusch mit energischen Bewegungen das Dach seines Wagens.
»Allerdings scheint er ein sehr angenehmer Zeitgenosse zu sein.« Sein Interesse an der Kirche war durch die Nähe zum Vikariat offensichtlich nicht geweckt worden. Meredith bedankte sich und ging weiter.
Tatsächlich, an einer Hauswand, die sich in anderer Hinsicht kein Stück von denen der Nachbarhäuser unterschied, hing ein kleines Schild: Vikariat von St. John the Divine.
Meredith läutete an der Tür. Ein junger, bärtiger Mann in einem Rollkragenpullover öffnete ihr.
»Hallo!«, begrüßte er sie, als wären sie alte Freunde.
»Sind Sie der Vikar von St. John?«, fragte Meredith ein wenig verlegen, weil sie seinen Namen nicht kannte. Er befreite sie fast im gleichen Augenblick aus ihrer Notlage.
»Das bin ich. Nennen Sie mich Dave!« Er strahlte sie an.
»Kommen Sie doch herein!« Er führte sie in ein modernes Wohnzimmer, in dem nur wenig darauf schließen ließ, dass hier ein Geistlicher wohnte. Es wurde von einem großen Fernseher beherrscht. Neben einem Hocker stand eine Gitarre an die Wand gelehnt und ließ die Vermutung zu, dass er geübt hatte, bevor Meredith bei ihm geläutet hatte. Es gab nicht ein Bücherregal. Vielleicht hatte er irgendwo anders im Haus sein Arbeitszimmer.
»Sie sind Baptistin?«, erkundigte sich Dave hoffnungsvoll abwartend.
»Leider nein. Ich bin nur zu Besuch hier im Dorf und hätte gerne ein paar Informationen.«
»Ah.« Er setzte sich und legte die Hände auf die Knie.
»Ich bin gerne bereit, Ihnen zu helfen, soweit es in meiner Macht steht. Ich bin nämlich selbst noch nicht so lange in diesem Dorf.«
»Dann haben Sie Mrs Smeaton also nicht gekannt? Die alte Dame, die in Rookery House gelebt hat?«
»O doch! Die gute alte Ollie!« Ein weiteres entwaffnendes Lächeln.
»Kannten Sie Olivia ebenfalls?« Merediths Hoffnungen schwanden dahin. Sie schätzte, dass seine kumpelhafte Art bei jemandem wie Olivia sehr schlecht angekommen war. Sie verneinte die Frage des Vikars. Dave begann ausschweifend zu erzählen und bestätigte Merediths schlimmste Befürchtungen.
»Ollie war eine von diesen großen alten Damen, wissen Sie? Sehr altmodisch und festgefahren in ihren Wegen. Ein richtiges Relikt der alten Klassengesellschaft. Es war eine wahre Schande, wirklich, weil sie dadurch ins Abseits geriet und ihre Freunde verlor.« Meredith unterdrückte den Wunsch, ihn zu korrigieren und zu sagen, dass Olivia durchaus ein paar Freunde gehabt hatte – allerdings von der Sorte, ohne die man glücklicher war.
»Wie ich gehört habe, ist sie hin und wieder zur Kirche gegangen, damals, als sie ins Dorf zog.« Dave nickte altklug.
»Kann ich nicht sagen – das muss während der Amtszeit meines Vorgängers gewesen sein. Er war ein netter, tatteriger alter Bursche. Ganz bestimmt mehr Ollies Stil.«
»Es ist immer traurig, wenn ein älterer Mensch sich plötzlich fremd fühlt in einer Kirche, der er sein ganzes Leben lang angehört hat«, sagte Meredith – vielleicht nicht ganz höflich, doch offen, und Daves Unbekümmertheit ermüdete sie bereits jetzt, nach wenigen Minuten. Dave jedoch war taub für jegliche Kritik.
»Ich habe sie ein paar Mal besucht. Man soll nie nie sagen, nicht wahr? Und ich gebe nicht so leicht auf. Trotzdem, Ollie war eine harte Nuss, glauben Sie mir. Sie brauchte Freunde, dringend. Hätte sie Freunde gehabt, wäre sie nicht so alleine gestorben. So unglaublich traurig.«
»Wie das?«, fragte Meredith ein wenig schärfer, als sie beabsichtigt hatte. Ob er erkannt hatte, dass sie nicht der gleichen Meinung war wie er, oder ob ihm sonst etwas eingefallen war – Daves Vergnügtheit schwand dahin.
»Sie hätte jemanden gehabt, der sie besucht, nach ihr schaut und über einer Tasse Tee ein Schwätzchen mit ihr hält. Aber wie es aussah, war sie ganz allein in diesem großen Haus.« Ein wenig aufsässig fuhr er fort:
»Ich habe mehr als einmal versucht, sie zu überreden, in unseren Club zu kommen.«
»Club?«, fragte Meredith schwach.
»O ja! Wir sind eine blühende Gemeinde in Parsloe St. John! Jeden zweiten Mittwochnachmittag kommen unsere alten Mitbürger in das Gemeindezentrum – haben Sie es gesehen? Im Moment ist es ein Provisorium – eine umgebaute Garage in Stable Row. Trotzdem, Menschen sind wichtiger als Mauern, wie es so schön heißt, und wir haben jedes Mal eine vergnügte Zeit. Ein wenig Gesang zum Piano, die alten Lieder. Den alten Menschen gefällt es. All die Evergreens. Die Frauen backen Kuchen und bringen ein paar Kannen Tee mit. Manchmal veranstalten wir eine Tombola. Es gefällt ihnen, wirklich. Wenn jemand in Urlaub war, hält er hinterher einen Vortrag. Mrs Harris hat einen tollen Vortrag über die Kanaren gehalten, und ihre Enkelin kam vorbei und hat uns alles über Miami erzählt. Einmal im Jahr machen wir einen Ausflug im Bus. Dieses Jahr waren wir in Weston-SuperMare. Sie haben auf den Docks gesessen und ihre alten Füße ins Meer baumeln lassen. Ich wollte Ollie zum Mitkommen bewegen, aber sie war viel zu schüchtern. Eine Schande, wirklich, eine richtige Schande.«
»Aber Sie müssen doch gesehen haben, dass Mrs Smeaton nicht sehr gesellig war?«, fragte Meredith.
»Darin stimme ich Ihnen absolut zu. Sie hat sehr zurückgezogen gelebt in diesem Haus. Keinerlei Verbindung zur Außenwelt. Das ist auch so etwas, dieses Haus. Ziemlich ungeeignet für eine allein stehende alte Person. Ich habe sie zu überreden versucht, es zu verkaufen und das Geld in eine Wohnung in einem Pflegeheim zu investieren, vergeblich. Sie war eine sehr eigensinnige Person, und es war sinnlos, ihr etwas einreden zu wollen.« Er stockte.
»Sie scheint meine Besuche trotzdem wohlwollend aufgenommen zu haben, denn sie hat dem Fonds zur Sanierung unserer Kirche in ihrem Testament eine beträchtliche Summe hinterlassen. Ich hatte mich schon gefragt, ob sie überhaupt irgendwelchen Besuch mochte, aber daran hat es sich gezeigt, finde ich. Der äußere Eindruck ist hin und wieder trügerisch. Sie wirkte immer so hochnäsig, und in Wirklichkeit war sie heilfroh, dass jemand da war, mit dem sie reden konnte und der sich für sie interessierte.« Es hatte offensichtlich keinen Zweck, weiter mit ihm über Olivia Smeaton zu reden. Seine Selbstgefälligkeit umgab ihn wie ein Panzer. Das Traurige daran war, dass er es im Grunde nur gut meinte. Er hatte auf seine tollpatschige Art Freundschaft mit Olivia zu schließen versucht, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob sie es überhaupt wollte oder nicht. Als Meredith so dasaß und den Vikar nach Worten suchend ansah, wurde Dave aus irgendeinem Grund nervös.
»War es das, was Sie wissen wollten?«, fragte er und warf einen sehnsüchtigen Blick auf seine Gitarre. Vielleicht will er wieder zurück zu seinen Übungen, dachte Meredith. Vielleicht ist es aber auch nur sein Lieblingsspielzeug, wie bei einem Kind, kam ihr ein plötzlicher Gedanke. Er spielte eigentlich nicht damit, sondern zog Trost aus ihm. Irgendwie hatte eine ihrer Fragen ihn erschüttert. Er war unglücklich. Die Frage lautete – welche?
»Dave«, fragte Meredith leise, weil es wichtig war, ihn nicht zu erschrecken.
»Haben Sie Mrs Smeaton am Wochenende ihres Todes besucht? Oder wollten Sie es?« Er wurde blass. Er öffnete den Mund ein paar Mal und schloss ihn wieder, ohne dass ein Wort herausgekommen wäre, und für einen Augenblick oder zwei sah er aus, als wollte er in Tränen ausbrechen. Meredith fühlte sich eigenartig an Julie Crombie erinnert, deren selbstsichere äußere Schale ebenfalls ganz schnell abgefallen war. Sie hatte diesem ernsten jungen Mann ausgerechnet die Frage gestellt, von der er offensichtlich gebetet hatte, dass niemand sie stellen würde und dass er sie niemals der Wahrheit gemäß würde beantworten müssen. Er konnte nicht lügen. Es war ihm nicht gegeben. Doch wie es sich für ihn geziemte, kam er seiner Pflicht tapfer nach. Er setzte sich kerzengerade auf, legte die Hände auf die Knie, wandte den Blick resolut von der Gitarre ab und sagte:
»Es hat mein Gewissen belastet. Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Ich frage mich seit damals, ob ich mit irgendjemandem darüber hätte reden sollen oder nicht.«
»Dann reden Sie mit mir«, sagte Meredith einfach. Jetzt wollte er wirklich reden. Die Worte, die seit Wochen in ihm eingesperrt gewesen waren, brachen aus ihm hervor wie eine Beichte. Plötzlich war sie der spirituelle Beistand und Tröster, und er war der von seinem Gewissen gequälte arme Sünder.
»Hören Sie, ich bin froh, dass Sie gekommen sind«, sagte er.
»Ich weiß nicht, wer Sie sind, doch ich glaube, Gott hat Sie zu mir geschickt. Nein, nein, sagen Sie nicht, er wäre es nicht gewesen. Seine Wege sind seltsam. Außerdem hätte es keinen Unterschied gemacht, verstehen Sie? Ich war bei der Gerichtsverhandlung zur Feststellung der Todesursache der alten Dame, und der Mediziner sagte aus, dass sie wahrscheinlich bereits am Freitag in der Nacht oder spätestens am Samstagmorgen gestorben war. Ich bin erst am Samstagnachmittag hingegangen. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich gegangen bin … doch, jetzt fällt es mir wieder ein, ich war in der Kirche gewesen. Als ich rauskam, fiel mein Blick auf Rookery House, und ich dachte, ich gehe mal hin und sehe nach, wie es der guten alten Ollie geht. Ich ging durch das Tor und den Kiesweg hoch. Es war niemand da, im Haus war es still. Die Fensterläden waren offen. Wäre alles verschlossen gewesen, hätte ich bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmte, aber so … sie waren ganz normal nach hinten geklappt, alte, innen liegende Fensterläden, wie man sie früher hatte, kennen Sie die? Ich läutete an der Tür, aber niemand kam, um mir zu öffnen. Ich ging ums Haus herum zur Hintertür und klopfte an, wartete, klopfte erneut. Keine Antwort. Also dachte ich, entweder sie schläft oder sie ist im Garten. Ich sah mich im Garten um, aber da war sie nicht, also musste sie schlafen. Es war ein sehr heißer Nachmittag, und sie war wahrscheinlich eingedöst. Und deshalb … deshalb bin ich dann einfach gegangen.« Er starrte sie erbarmungswürdig an.
»Ich konnte es doch nicht wissen, oder? Viele ältere Menschen machen einen Mittagsschlaf. Sie hatte nicht mit meinem Besuch gerechnet. Ich dachte, vielleicht wollte sie mich auch nicht sehen und hat einfach deshalb nicht aufgemacht. Sie war durchaus zu so etwas imstande.«
»Sie konnten es nicht wissen«, tröstete Meredith ihn. Er entspannte sich ein wenig.
»Ich bin so froh, dass Sie das sagen, weil ich nämlich gedacht habe, dass ich vielleicht bei der Gerichtsverhandlung hätte aussagen sollen. Es hätte geholfen, den Zeitpunkt ihres Todes festzustellen, nicht wahr? Ich muss gestehen, dass der Arzt ein wenig unsicher war, was das anging. Ich dachte eigentlich, das könnte man heutzutage genauer.«
»Nicht immer«, entgegnete Meredith.
»Es hängt von einer ganzen Reihe äußerer Umstände ab. Aber wenn die Läden offen standen, dann hat Olivia sie am Abend zuvor nicht geschlossen, und das deutet darauf hin, dass sie Freitagnacht nicht zu Bett gegangen war. Die Polizei hätte diese Tatsache sicherlich interessiert.«
»O mein Gott!« Er zuckte zusammen.
»Ich hätte daran denken müssen! Tatsache ist, meine Sorge war die ganze Zeit, dass ich mehr hätte unternehmen müssen. Ich hätte mir denken müssen, dass sie krank ist und mir vielleicht sogar gewaltsam Zutritt in ihr Haus verschaffen sollen. An die Polizei habe ich überhaupt nicht gedacht.« Meredith hatte Erbarmen mit ihm.
»Einbruch wäre wohl ein wenig drastisch gewesen. Vielleicht hätte sie ja tatsächlich nur einen Mittagsschlaf gehalten, wie Sie zu diesem Zeitpunkt glaubten? Woher sollten Sie das wissen?«
»Ja.« Er fing sich ein wenig und fragte plötzlich misstrauisch:
»Darf ich wissen, wieso Sie sich für all das interessieren? Sie sind keine Verwandte von Olivia Smeaton, oder?«
»Nein, eher die Freundin einer Freundin.« Wynne hatte Olivia am Ende schließlich wenigstens genauso nahe gestanden wie jeder andere.
»Außerdem«, fuhr Meredith fort, »außerdem war ich mit einem Freund oben in Rookery House. Wir haben es besichtigt, weil wir dachten, dass wir es vielleicht kaufen wollen. Aber ich glaube nicht, dass wir dies tun werden.«
»Das ist sehr schade. Ich bin sicher, es würde Ihnen gefallen, in Parsloe St. John zu leben. Sie sind noch ein wenig zu jung und munter für unseren Altenclub, aber wir haben auch einen Nachmittag für junge Mütter, abwechselnd alle vierzehn Tage mittwochs, wenn sich der Altenclub nicht trifft.«
»Ich bin aber keine Mutter.«
»Jedermann ist willkommen. Wir brauchen hilfreiche Hände, wo es geht. Sie sehen aus, als wären Sie sehr hilfsbereit.«
»Ich bin sicher, Sie kommen auch ohne mich zurecht«, sagte Meredith entschlossen.
»Das Dorf ist sehr aktiv. Manchmal auf ungewöhnliche Weise. Ich glaube, es gibt hier sogar eine Hexe.« Dave blinzelte überrascht.
»Na, jetzt nehmen Sie mich aber auf den Arm! Bestimmt nicht! Heutzutage soll es noch Hexen geben? Da hat Ihnen bestimmt jemand einen Bären aufgebunden.«
»Das glaube ich eher nicht. Ich meine, ich persönlich glaube nicht an Hexerei und war ziemlich überrascht, als man mir davon erzählt hat. Von dieser Frau.« Er runzelte die Stirn und kratzte sich den Bart.
»Wer ist es? Haben Sie einen Namen?« Meredith zögerte.
»Aber es muss unter uns bleiben. Man hat mir gesagt, es wäre die Frau, die den kleinen Laden in Stable Row führt, WIR-HABEN-ALLES. Ich habe keinerlei Beweise. Bitte seien Sie diskret.«
»Ich kenne dieses Geschäft und die Frau. Sie ist wirklich seltsam. Ich könnte hingehen und mich auf ein Wort mit ihr unterhalten – seien Sie unbesorgt! Ich werde Sie mit keinem Wort erwähnen!« In seine Augen trat ein frischer Glanz.
»Sie könnte vielleicht zu einem unserer Treffen kommen und einen Vortrag halten.«
»Halten Sie das für eine kluge Idee?«
»Wir dürfen nicht engstirnig sein, was unsere Umwelt angeht«, erwiderte er tadelnd. Er hatte sich wieder gefangen und war in seine alte Kaltschnäuzigkeit zurückgefallen.
»Wir alle können unseren Teil zum spirituellen Leben in unserer Gemeinde beitragen. Jeder von uns kann eine ganze Menge aus dem Glauben und der Religion des anderen lernen.« Vorübergehend huschte Selbstzweifel über sein bärtiges Gesicht und ließ ihn erneut jünger und verletzlicher aussehen.
»Oder glauben Sie, ich sollte zuerst mit dem Bischof reden?«
»Das halte ich für eine ganz ausgezeichnete Idee!«, versicherte Meredith ihm. Sie richtete sich auf und sammelte sich für den Aufbruch.
»Nun, ich danke Ihnen jedenfalls für alles, äh, Dave. Sie waren sehr hilfreich und informativ. Wenn ich recht informiert bin, benötigt der Fonds zur Renovierung der Kirche noch etwas Geld? Wenn Sie mir vielleicht erlauben würden …«
»Oh, großartig! Warten Sie, ich hole nur schnell einen Quittungsblock!« Er stapfte mit Merediths Zehn-Pfund-Note aus dem Zimmer. Sie hatte geglaubt, dass er irgendwo im ersten Stock sein Arbeitszimmer hatte, doch das Klappern und Klirren von Geschirr und Besteck verrieten ihr, dass er nur in die Küche gegangen war und dort in den Schubladen kramte. Schließlich kehrte er mit der Quittung zurück.
»Hier, bitte sehr, Ihre Quittung, damit auch alles seine Ordnung hat! Und vergessen Sie nicht, falls Sie Lust haben, an einem Mittwochnachmittag in unseren Club zu kommen, Sie sind herzlich eingeladen. Wir brauchen immer Helfer.« Er stand in der Tür und winkte ihr zum Abschied hinterher. Doch der Pfarrer unserer Gemeinde … will nichts von alledem glauben … Hexenkunst beschrieben und erklärt, A. D. 1709
KAPITEL 9
ALS MARKBY zum Cottage zurückkehrte, saß Meredith mit einem Becher Kaffee in den Händen quer auf einem Sessel, die Beine über der Armlehne.
»Ich hatte vielleicht einen seltsamen Morgen«, erklärte sie, während sie sich begrüßten.
»Ich habe eine Hexe kennen gelernt, habe mit dem Wirt des King’s Head über Tourismus diskutiert und ein Schwätzchen mit Julie Crombie und einem hart arbeitenden, jungen und vor Jovialität nur so strotzenden Geistlichen gehalten, der Olivia Smeaton vor Empörung wahrscheinlich schreiend an die Decke hat gehen lassen. Wie bist du vorangekommen?«
»Ich habe ebenfalls mehr herausgefunden, als ich geglaubt hätte«, berichtete Markby und erzählte von seinen morgendlichen Abenteuern.
»Durchaus möglich«, schloss er, »dass das Pony vergiftet wurde. Ganz sicher ist jemand mit einem psychischen Knacks da draußen unterwegs und, wie es scheint, auf der Suche nach leichten Opfern. Um das Wenigste zu sagen.«
»Schlimm.« Sie sah ihn besorgt an.
»Der Reverend Dave hat ein paar interessante Dinge erzählt.« Sie wiederholte die Geschichte vom vergeblichen Besuch des Vikars bei Olivia am Samstagnachmittag nach der Kirche.
»Das deutet darauf hin«, schloss sie, »dass Olivia bereits am Freitagabend gestorben ist. Der arme Vikar hat ein ganz schlechtes Gewissen deswegen.«
Markby zischte missbilligend.
»Das geschieht ihm auch ganz recht! Er hätte eine Aussage machen müssen! Seine Beobachtung war wichtig für den Coroner!«
»Er zerbricht sich mehr den Kopf darüber, dass er Olivia vielleicht hätte retten können. Er hat es nicht direkt gesagt, aber ich habe gemerkt, dass es ihn beschäftigt. Er fragt sich ununterbrochen, ob sie vielleicht nur bewusstlos dort gelegen hat und … na ja, du weißt schon.«
»Das wissen wir nicht. Es ist unwahrscheinlich. Wenn sie achtzehn Stunden vorher die Treppe hinuntergestürzt ist, dann bezweifle ich stark, dass sie am Samstagnachmittag noch am Leben war. Wie dem auch sei, daran lässt sich jetzt sowieso nichts mehr ändern. Aber was mich immer wieder aufs Neue ärgert, sind Leute, die nicht mit dem herausrücken, was sie wissen, weil sie eigenmächtig entschieden haben, dass es nicht von Bedeutung ist, häufig aus irgendwelchen persönlichen Gründen heraus.«
Er hatte jene gequälte Polizistenaura um sich, die er stets an den Tag legte, wenn er über das unkooperative Verhalten der breiten Öffentlichkeit sinnierte.
»Übrigens wusste der Vikar nicht, dass in diesem Dorf noch Hexenkunst praktiziert wird«, sagte Meredith.
»Weil ihm niemand etwas davon gesagt hat, warum denn sonst? Er ist bestimmt der Letzte im Dorf, der so etwas erfährt.«
»Ich habe es ihm gesagt. Ich glaube, es hat ihm einen gelinden Schock versetzt. Wenigstens hat es ihn von Olivia abgelenkt.« Meredith erhob sich aus dem Sessel und begann, im Bücherregal zu wühlen.
»Ich brauche irgendeinen lokalen Führer oder eine Karte. Hast du zufällig so was bei dir?«
»Ich kann eine Karte besorgen. Wonach suchst du?«
»Nach einem prähistorischen Monument in dieser Gegend. Dem ›Stehenden Mann und seiner Frau‹. Sadie hatte ein Bild von den beiden, gemalt von – stell dir vor! – Mervyn Pollard, dem Wirt des King’s Head. Sie wollte es nicht verkaufen, und er hat sich geweigert, mir eines seiner anderen Bilder zu verkaufen.«
»Was ist daran schlimm?«
»Die Stelle kann jedenfalls nicht weit von hier entfernt sein«, sagte sie ausweichend.
»Ich würde gerne hinfahren und einen Blick darauf werfen.«
»Also schön.« Er zögerte.
»Du erinnerst dich an Sir Basil Newton?«
»Selbstverständlich. Er ist der Chief Constable.«
»Das war er. Er ist vor kurzem in den Ruhestand gegangen. Er und seine Frau haben ein Feriencottage ungefähr fünfzehn Kilometer von hier. Als er gehört hat, dass wir eine Woche hierher fahren würden, schlug er vor, dass wir anrufen und auf einen Drink vorbeikommen, wenn wir die Zeit dazu finden. Ich dachte, wenn du nichts dagegen hast, rufe ich ihn an.« Meredith lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen den Tisch und sah Markby ernst an.
»Du glaubst also auch, dass irgendetwas hier nicht mit rechten Dingen zugeht, stimmt’s? Genau wie Wynne Carter.« Er zupfte nervös am Stoffüberzug der Armlehne seines Sessels, dann zog er sie straff.
»Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Ich könnte vermuten, dass irgendetwas übersehen wurde oder ›nicht mit rechten Dingen zugegangen ist‹, wie du es ausdrückst. Ob ich mir allerdings wegen der gleichen Dinge den Kopf zerbreche wie Wynne ist eine andere Geschichte. Vielleicht habe ich etwas ganz anderes im Kopf als sie.«
»Wynnes Verdächtigungen konzentrieren sich ausnahmslos auf Olivia. Wie sie hierher gekommen ist, wie sie hier gelebt hat und wie sie starb.«
»Da hast du es. Siehst du?« Meredith starrte ihn begriffsstutzig an, und er erklärte es ihr.
»Armitage und seine Frau waren beide auf der Gerichtsverhandlung zur Feststellung von Mrs Smeatons Todesursache. Sie sind beide gebildete, intelligente Menschen und ein Paar mit einem guten Ruf. An Olivias Tod war überhaupt nichts Verdächtiges. Es war ein Unfall, ein trauriger, wenngleich nicht ganz unvorhersehbarer Unfall. Janine hat ihre Arbeitgeberin mehrfach davor gewarnt, weiterhin in diesen kaputten Pantoffeln durchs Haus zu laufen.« Endlich legte er seinen Schutzmantel ab.
»Was Olivias Leben angeht – zugegeben, da hätte ich schon die ein oder andere Frage. Aber sie ist tot. Sollen die Toten in Frieden ruhen.«
»Was für ein merkwürdiges Dorf das doch ist«, sagte Meredith und wechselte unvermittelt das Thema.
»Da sind wir drei, Wynne, du und ich, und wir alle spüren die bedrohliche Atmosphäre des Dorfes, doch jeder von uns schreibt sie anderen Umständen zu. In Wynnes Augen dreht sich alles um Olivia. Du bringst alles mit den verschiedenen Vorfällen von Vandalismus in Verbindung, die sich in der letzten Zeit in Parsloe St. John ereignet haben.«
»Und du?«, hakte Markby nach, als Meredith zögerte.
»Ich … ich finde es eigenartig, dass Sadie Warren mir kein Bild verkaufen wollte.« Markby schob sich aus seinem Sessel.
»Nun, vielleicht ist es einfacher, etwas gegen deine Zweifel zu unternehmen, als gegen meine oder die von Wynne. Warte, ich besorge eine Karte.« Kurze Zeit darauf hatten sie die Steine auf einer alten Generalstabskarte lokalisiert. Alan ließ Meredith mit der Karte allein, während er ans Telefon ging, um Sir Basil Newton anzurufen. Wenige Minuten später kam er ins Wohnzimmer zurück.
»Er sagt, wir sollen heute Abend zum Essen vorbeikommen, falls wir Zeit haben. Ich habe zugesagt. Du bist doch einverstanden, oder?«
»Mmmh? Oh, ja. Sicher.«
»Wenn wir uns ein wenig früher auf den Weg machen, bleibt uns noch genügend Zeit, dein prähistorisches Monument zu besichtigen. Es liegt fast auf dem Weg, und es ist noch hell.« Meredith sah ihn erfreut an.
»Sehr gut!« Sie blickte auf den Kalender an der Wand.
»Oh«, sagte sie.
»Heute Nacht ist Vollmond.«
Der Weg zu dem historischen Monument führte über abgelegene Landstraßen. Alan, der lieber auf Landstraßen als auf Autobahnen fuhr, war recht glücklich über diesen Umstand. Es war ein milder, angenehmer Abend und nur wenige andere Fahrzeuge unterwegs. Sie hatten etwa die halbe Strecke zu den Newtons zurückgelegt, als Meredith, die ununterbrochen die Karte mit der Umgebung verglichen hatte, aus dem Seitenfenster sah und sagte:
»Hier irgendwo muss es gleich kommen.«
Markby war bereits langsamer geworden.
»Vor uns ist Wasser«, beobachtete er. Quer über die Straße lief ein flaches Rinnsal, das auf der einen Seite aus einer Hecke hervortrat und in einem Graben auf der anderen versickerte. In der Stadt hätte Markby sofort auf eine geplatzte Wasserleitung getippt. Hier draußen deutete es lediglich auf eine in der Nähe entspringende Quelle hin.
»Deswegen ist es hier überall so grün«, sagte Markby.
»Die Landschaft sieht jedenfalls genauso aus wie auf Sadie Warrens Gemälde.« Meredith studierte kritisch die Umgebung.
»Sieh mal, da vorn ist eine Haltebucht. Wir können dort parken.« Ein Stück weiter vorn befand sich eine Einbuchtung in der Hecke. Markby parkte den Wagen, und sie stiegen aus.
»Ein Abfalleimer der Gemeinde«, sagte er und deutete auf den großen Blechbehälter vor der Hecke.
»Das bedeutet, dass regelmäßig Leute hier parken. Die Steine müssen ganz in der Nähe sein. Wohin gehst du?« Seine Begleiterin kletterte mit den hochhackigen Abendschuhen in der Hand die Böschung hinauf.
»Vergiss nicht, dass wir immer noch anständig aussehen müssen, wenn wir die Newtons besuchen!«, warnte er.
»Keine Sorge, dort ist eine Zaunleiter«, gab sie zurück und verschwand hinter dem Kamm der Böschung hoch über Markby. Markby seufzte und kletterte ihr hinterher. Meredith war bereits über die Leiter und marschierte auf Nylonstrümpfen durch das Gras. Er folgte ihr und fragte sich, warum er sich vorher die Mühe gemacht hatte, seine Schuhe zu putzen. Eines war sicher: Er hatte nicht die Absicht, sie auszuziehen und den Rest des Abends in feuchten Socken zu verbringen.
Dort waren sie, der
»Stehende Mann und seine Frau«. Sie ragten aus der Wiese auf und beherrschten eine Szenerie friedlicher Isolation.
»Mitten im Nichts!«, staunte Alan.
Der einzige Hinweis, dass andere von den Steinen wussten, bestand aus einem kleinen Schild an einem Pfosten, auf dem der Name des Monuments und die spärlichen Informationen über die
»prähistorische Stätte« verzeichnet waren.
Darunter stand:
»Bitte nicht auf die Steine klettern.« Der
»Mann« war ein wenig größer als die
»Frau«.
»Mervyn hat Schwierigkeiten mit der räumlichen Darstellung«, sinnierte Meredith kritisch.
»Auf seinem Gemälde sehen die beiden aus, als wären sie genau gleich groß. Was für ein eigenartiger Gedanke, dass sie all die Jahrtausende hier gestanden haben und niemand sie eingeebnet oder weggeschleift hat. Ein Bauer beispielsweise, dem sie beim Pflügen im Weg gestanden haben.«
»Aberglaube«, sagte Markby.
»Aberglaube hat das Monument geschützt.« Er untersuchte seine Schuhsohlen.
»Pass um Gottes willen auf, wo du hintrittst. Hier haben Schafe geweidet. Zieh dir die Schuhe wieder an!«
»Es ist nicht feucht.«
»Nein, aber vielleicht ist der Boden mit Scrapie-Viren oder sonst irgendeinem Krankheitserreger verseucht.«
»Mach nicht so einen Aufstand, Alan.« Sie umrundete die beiden Felsen. Sie bestanden aus stark verwittertem Kalkstein, übersät mit Löchern und unebenen Ausbeulungen wie ein Gesicht voll besonders bösartiger Akne. Die Oberseite der
»Frau« war einigermaßen symmetrisch, während der
»Mann« wohl irgendwann einmal beschädigt worden oder auf einer Seite stärker verwittert war als auf der anderen, sodass er irgendwie schief stand und eine Schulter tiefer hing als die andere. Ein leichter Abendwind strich über die Wiese und wehte leises Blöken heran. Die Schafe schienen ganz in der Nähe zu sein. Außerdem musste es irgendwo einen Bach geben, der die Wiese durchlief. Einen Bach, der von der Quelle gespeist wurde, die sie vorhin an der Straße gesehen hatten. Manchmal verliefen sie allerdings auch unterirdisch weiter.
»Ich frage mich, ob es früher einmal mehr gewesen sind«, sinnierte sie laut.
»Ein Kreis vielleicht?« Markby wurde allmählich unruhig.
»Nicht unbedingt. Vielleicht sind die Steine ja auch nur so etwas wie Grabmale. Wer weiß, möglicherweise gibt es in der nächstgelegenen Bücherei oder bei einer einheimischen historischen Gesellschaft mehr Informationen über diese beiden Steine, falls sie dich tatsächlich so brennend interessieren. Vielleicht weiß ja Sir Basil etwas darüber«, fügte er geschickt hinzu, um sie an die Verabredung zu erinnern.
»O Gott, ja! Ich hatte die Newtons fast vergessen! Wir dürfen nicht zu spät kommen.« Sie marschierte in Richtung Zaunleiter davon.
»Aber ich bin froh, dass wir die Steine angesehen haben. Kleine Geheimnisse dieser Art machen mich immer neugierig, weißt du?«
»Nur zu gut«, murmelte er leise vor sich hin. … Er sagt, sie wäre die Tochter eines Schlachters und würde gelegentlich vor dem Markttag ein Viertel Schaf vom Schlachthaus mitbringen, um ein Stück davon im Boden zu vergraben, ein bekanntes Rezept zur Heilung von Warzen … Hexenkunst beschrieben und erklärt, A. D. 1709
KAPITEL 10
»ES WAR eine wunderbare Lammkeule!«, lobte Meredith die Kunst der Köchin. Moira Newton blickte erfreut drein.
»Ich bin ja so froh, dass Sie und Alan Zeit gefunden haben, um vorbeizukommen und mit uns gemeinsam zu essen! Ich habe noch beim Frühstück zu Basil gesagt, was für eine Schande es doch wäre, so ein schönes Stück Fleisch zu haben und niemanden, der es mit uns zusammen genießen könnte. Und dann rief Alan an! Ich hoffe doch, es war Ihnen nicht ungelegen, dass wir Sie für heute Abend zu Besuch gebeten haben?«
Sowohl Meredith als auch Markby beeilten sich, ihr das Gegenteil zu versichern. Es war in der Tat ein ausgezeichnetes Abendessen gewesen. Nun saßen sie bei schummriger Beleuchtung im Wohnzimmer vor einem weißen Kamin und genossen ihren Kaffee und eine staubige Flasche alten Port, den Sir Basil im Keller ausgegraben hatte. Obwohl es nicht kalt war, knisterte im Kamin ein Feuer – Moira mochte das Flackern der Flammen am Abend.
Es sieht wirklich sehr hübsch aus , dachte Meredith, auf eine gewisse kultivierte Weise. Einfach behaglich dazusitzen, die Flammen zu beobachten und dabei Port zu trinken … Fast konnte man sich nach einem ähnlich geruhsamen Leben sehnen.
Sie warf einen beunruhigten Blick zu Alan. So stellte er sich wahrscheinlich ihr gemeinsames Leben in Rookery House vor – doch was war zwischen Abenden wie diesem hier? Unendliche Langeweile und Eintönigkeit?
Wie durch Telepathie sagte Moira Newton in diesem Augenblick:
»Basil und ich haben dieses Cottage gekauft, als die Kinder noch jung waren. Wir brauchten einen Platz, wo wir am Wochenende hinfahren konnten. Ganz ähnlich wie Laura und Paul das Cottage seiner Tante benutzen werden, nun, nachdem sie gestorben ist. Jedenfalls, die Kinder wurden groß, und wir benötigten es nicht mehr so häufig. Ein paar Mal haben wir es vermietet. Dann meinte Basil, dass er sich dem Ruhestand näherte und was ich davon halten würde, ganz hierher zu ziehen.«
Markby rührte sich.
»Eine ausgezeichnete Idee.«
»Ich weiß nicht recht.« Moira schürzte die Lippen.
»Wir haben unser Haus in der Stadt noch nicht verkauft, und offen gestanden bin ich gar nicht so begierig darauf.«
»Es lässt sich bei dem gegenwärtig daniederliegenden Immobilienmarkt so gut wie nicht verkaufen«, grollte ihr Ehemann.
»Wir sitzen für die nächste Zeit auf zwei Häusern, ohne dass wir daran etwas ändern können! Zweimal Grundsteuern, zweimal Strom, Gas, Müllabfuhr, jede verdammte Rechnung kommt doppelt. Eins der beiden Häuser muss weg, und weil wir ganz bestimmt kein so großes Haus in der Stadt brauchen, bin ich nach wie vor dafür, dass wir es verkaufen und dieses hier behalten.«
»Wir wären so abgeschnitten von allem, Basil, von all unseren Freunden!«
»Wir haben alle Autos, oder vielleicht nicht?«
»Ich will aber nicht jedes Mal kilometerweit fahren, wenn ich ein Schwätzchen halten und eine Tasse Tee trinken möchte!«
»Genau das denke ich auch!«, stimmte Meredith ihr zu.
»Alan möchte ein weitläufiges georgianisches Herrenhaus mit einem riesigen Garten und einer Koppel kaufen!«
»Ah«, sagte Sir Basil und warf Meredith einen vielsagenden Blick zu.
»Doch nicht rein zufällig Rookery House, oder? Das Haus in Parsloe St. John, das Olivia Smeaton gehört hat?« Markby hatte entspannt in der Ecke auf dem Sofa gesessen und die Beine in Richtung des knisternden Kaminfeuers ausgestreckt. Bei der Erwähnung von Rookery House richtete er sich kerzengerade auf.
»Sie kennen es?«
»Ich weiß, wo es steht. Ich war dort. Nicht im Innern, nein. Aber es scheint Ihnen beiden zu gefallen, habe ich Recht?«
»Es gefällt Alan«, korrigierte Meredith.
»Es hat dir auch gefallen!«, sagte Alan eingeschnappt.
»Ja, hat es. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich es unbedingt kaufen muss!«
»Nun streiten Sie nicht deswegen!«, empfahl ihnen Moira Newton.
»Es ist doch nur ein Haus. Außerdem haben Sie beide noch viele Jahre, bis Sie in den Ruhestand gehen. Noch etwas Kaffee?«
»Kannten Sie Olivia Smeaton?«, fragte Meredith. Es schien ein unverfänglicheres Thema als das Haus der alten Dame. Sir Basil wuchtete sich aus seinem Sessel und trottete zum Barschrank.
»Kann ich nicht unbedingt sagen.« Er klapperte mit den Flaschen, und das Geräusch erinnerte Meredith an Wynne Carter und ihre selbst gemachten Weine und Liköre. Vielleicht weckte das Leben in der ländlichen Abgeschiedenheit das Interesse an starken Getränken.
»Ich nehme einen Tropfen Scotch«, entschied Sir Basil.
»Und Sie, Alan? Meredith, wie steht es mit Ihnen, meine Liebe?«
»Ich fürchte, ich kann Scotch nichts abgewinnen«, winkte Meredith dankend ab.
»Das macht überhaupt nichts«, sagte ihr Gastgeber jovial.
»Alan kann einen Scotch nehmen, und Sie können den Wagen fahren.«
»Basil!«, ermahnte ihn seine Frau.
»Ich kann fahren, kein Problem«, sagte Meredith.
»Ich möchte sowieso keinen Alkohol mehr. Eine Tasse Kaffee wäre mir lieber.« Wenige Minuten später, als sie wieder alle saßen, berichtete Sir Basil unerwartet:
»Ich habe in der Zeitung von Olivia Smeatons Tod gelesen. Ich kannte ihren Schwager Lawrence.«
»Sie kannten Lawrence Smeaton?«, riefen Markby und Meredith unisono. Sir Basil starrte die beiden verblüfft an.
»Gütiger Gott, ja. Aus meiner Zeit bei der Army. Es ist lange her. Er hatte natürlich einen viel höheren Dienstgrad als ich, und er ist als Brigadegeneral in den Ruhestand getreten. Später begegnete ich ihm zufällig wieder – wenn ich mich recht entsinne, war es an einer Rennstrecke –, nachdem ich das Militär verlassen hatte. Er erinnerte sich an mich und fragte, was ich denn so machen würde und so weiter und so fort … danach schien er sich eine ganze Weile für meine berufliche Karriere zu interessieren.«
»Sie wissen nicht rein zufällig«, fragte Meredith und wagte kaum zu atmen, »ob Lawrence Smeaton noch am Leben ist?«
»O Gott, das bezweifle ich, meine Liebe. Er wäre bestimmt schon … oh, ich weiß nicht.« Basil zögerte einen Augenblick.
»Er wäre um die achtzig, und das ist ja heutzutage gar kein so hohes Alter mehr, wie es das früher einmal war. Ja, durchaus möglich, dass er noch gesund und munter ist.«
»Also wirklich, Basil!«, warf seine Frau ärgerlich ein.
»Ich weiß ja, dass du nie Weihnachtskarten schreibst, aber ich dachte, du würdest sie wenigstens lesen, wenn dir jemand eine schickt!«
»Warum denn?«, erwiderte Sir Basil Newton.
»Es steht ja doch immer das Gleiche drauf.« Moira wandte sich zu Markby und Meredith um.
»Lawrence Smeaton und seine Frau Mireille wohnen in Cumbria. Mireille ist eigentlich Französin. Wir haben die beiden seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen, aber jedes Jahr zu Weihnachten schicke ich ihnen eine Karte, und sie schicken uns eine Karte.« Moira Newton funkelte ihren Mann an.
»Und jedes Jahr mache ich den Umschlag auf und sage zu dir, hier ist eine Karte von Mireille und Lawrence, es geht den beiden immer noch gut.«
»Oh, du schreibst ihnen? Tatsächlich?«, murmelte Sir Basil in seinen Scotch. Moira sah ihre Gäste hilflos an.
»Er hört nie zu, wenn ich etwas sage, zumindest nicht während des Frühstücks! Allmählich fange ich an mich zu fragen, ob er mir überhaupt noch zuhört! Wir schreiben uns nicht regelmäßig, Mireille und ich, nur die jährliche Weihnachtskarte, das ist alles. Obwohl, wenn ich darüber nachdenke – ich könnte ihr eigentlich einen Brief schreiben. Ja, ich denke, ich werde ihr schreiben.«
»Du hast ganz Recht, Moira«, sagte Sir Basil großzügig.
»Ich hätte wissen müssen, dass wir noch immer Kontakt mit den Smeatons haben. Aber du weißt ja, dass ich diese Dinge dir überlasse.« Alan beugte sich vor und stellte seinen Scotch auf dem Wohnzimmertisch ab.
»Ich möchte eigentlich nicht über polizeiliche Angelegenheiten sprechen, allerdings haben sich während unseres Aufenthalts in Parsloe St. John ein paar merkwürdige Dinge ereignet.«
»Ein paar merkwürdige Dinge haben sich bereits ereignet, bevor wir hergekommen sind«, fügte Meredith hinzu.
»Ein Rätsel!«, rief Moira erfreut aus.
»Ich liebe ein gutes Rätsel! Basil, leg noch ein Scheit auf das Feuer. Alan wird uns sicher eine hübsche, Grauen erregende Geschichte erzählen!«
»Manchmal wundere ich mich wirklich über dich, Moira!«, sagte Sir Basil zu seiner Gemahlin, während er ein Scheit in den Kamin schob und ein Funkenregen aus dem Feuer aufstieg. Er drehte sich zu Alan um.
»Wird es wirklich so Grauen erregend?«
»Nein, nein – es sei denn, bei vergifteten Pferden stockt Ihnen das Blut in den Adern.«
»Ich verstehe«, sagte Sir Basil, als Alan mit seiner Geschichte über Olivia Smeatons Pony, Wynne Carters Blumenbeet, den Range Rover der Armitages, die nach Janines Bericht lose Pantoffelsohle der alten Dame und Wynnes Überzeugung, dass Olivia Smeaton auf irgendeine Weise von ihrer Vergangenheit eingeholt worden war, am Ende angelangt war. Sir Basil streckte die Beine aus und legte die Hände auf seinen ausgeprägten Bauch.
»Nun ja. Vandalismus ist eine hässliche Geschichte, und Fehden auf dem Land können noch schlimmer sein. Wenn beides zusammenkommt, erhält man eine wirklich unangenehme, wenn nicht sogar gefährliche Mischung. Durchaus möglich, dass Menschen dabei zu Schaden kommen.« Er blickte Markby und Meredith an.
»Man sollte die örtliche Polizei informieren. Über die ganze Geschichte, nicht nur den Anschlag auf den Wagen des Tierarztes, sondern auch die restlichen Vorkommnisse, damit sie sich ein Bild machen kann.«
»Ich werde mich darum kümmern«, versprach Markby.
»Was den Sturz der armen Olivia Smeaton angeht – ich erinnere mich, dass ich in der Zeitung über die Umstände gelesen habe. Eine Zeit lang war ihr Tod ein ausgesprochenes Klatschthema hier in der Gegend, nicht wahr, Moira? Bis die Leute es wieder vergessen haben, wie sie es eben tun. Irgendetwas anderes erregte ihre Aufmerksamkeit. Die übliche Eintagsfliege. Ich denke nicht, dass bei der Gerichtsverhandlung zur Feststellung ihrer Todesursache irgendwelche Zweifel geäußert wurden. Somit gab es für die Polizei keinen Grund, ihre Ermittlungen fortzusetzen, und bei der allgemeinen Personalknappheit bezweifle ich, dass eine Andeutung, dies nun doch zu tun, auf wohlwollende Ohren stoßen würde.«
»Genau das habe ich versucht, Wynne Carter klar zu machen«, stimmte Markby zu.
»Ich habe die gebrochene Balustrade selbst untersucht. Ich persönlich konnte nichts Verdächtiges feststellen. Es kann sich also durchaus um einen Unfall gehandelt haben. Was Untersuchungen zu Olivia Smeatons Vergangenheit anbelangt, so gibt es dazu noch weniger Anlass. Der einzige Mensch, der sie von früher kennt, wäre Lawrence Smeaton, ihr ehemaliger Schwager. Er mochte sie schon damals nicht, und daran wird sich kaum etwas geändert haben – falls er überhaupt noch an sie denkt. Soweit ich weiß, war er weder bei Olivias Begräbnis noch bei der Gerichtsverhandlung.«
»Nein, war er nicht«, gab Moira ihm Recht.
»Mireille hätte mich sonst ganz bestimmt angerufen und Bescheid gesagt, dass sie in der Gegend sind. Ich bin absolut sicher, dass sie sich gemeldet hätte. Aber wenn ich ihr schreibe, werde ich sie in meinem Brief danach fragen, falls Sie möchten, Alan.«
»Ich wüsste jedenfalls nicht, was gegen ein paar Ermittlungen Ihrerseits sprechen würde, Alan«, sagte Sir Basil feinfühlig.
»Nichts Offizielles zwar, jedoch mit einem billigenden Nicken seitens der zuständigen Stellen. Ich kann Ihnen in dieser Hinsicht nicht mehr weiterhelfen – ich bin im Ruhestand. Ich könnte mich auf ein Wort mit meinem Nachfolger unterhalten, und ich bin sicher, dass er keine Einwände hätte. Solange Sie niemandem im Weg stehen und niemandem auf die Füße treten … aber das halte ich für sehr unwahrscheinlich, angesichts Ihrer langjährigen Erfahrung.«
»Es ist nicht so, dass ich mich einmischen möchte«, versicherte Markby ihm.
»Aber Wynne ist enttäuscht, von meiner Haltung eindeutig und konsequenterweise auch von der Zuverlässigkeit der Polizei als Ganzes. Ich denke, ich sollte tatsächlich ein paar Fragen stellen, und wenn es nur pro forma ist. Vielleicht sollte ich mich ein wenig mit diesem Hausarzt von Olivia unterhalten, diesem Doc Burnett, oder dem örtlichen Bauunternehmer Max Crombie. Abgesehen davon wüsste ich allerdings nicht, was ich sonst noch tun könnte.«
»Ich glaube nicht, dass Wynne mehr von dir erwartet, als ein paar Erkundigungen im Dorf einzuziehen«, meldete sich Meredith unerwartet zu Wort.
»Verstehen Sie«, wandte sie sich an die Newtons, »Wynne kann es nicht selbst tun, weil sie in Parsloe St. John lebt und weil es sie möglicherweise in Schwierigkeiten bringen würde. Alan und ich hingegen könnten es tun.« Markby hatte das
»Und ich« nicht überhört und warf ihr einen finsteren Blick zu.
»Eine sehr traurige Geschichte«, sagte Moira nachdenklich.
»Ich werde vorsichtig überlegen müssen, was ich Mireille schreibe. Nach all diesen Jahren wird Lawrence doch wohl keinen Groll mehr hegen wegen dem, was seine Schwägerin vor so langer Zeit getan hat? Ich meine, besonders jetzt nicht mehr, da sie tot ist?«
»Klingt ganz so, als hätten Sie während Ihres Urlaubs in diesem Dorf etwas Interessantes gefunden.« Sir Basil lächelte.
»Oh, Sie haben noch längst nicht alles gehört«, sagte Markby.
»Meredith ist der Meinung, sie hätte zufällig einen Hexensabbat entdeckt.«
»Es stimmt absolut«, sagte Moira Newton, nachdem Meredith ihre Entdeckung geschildert hatte.
»Die Tradition des Hexenhandwerks reicht in den Cotswolds lange zurück, und es wird möglicherweise noch immer im Stillen ausgeübt. Man kann Spuren davon in den alten Ortsnamen finden. Es gibt Aufzeichnungen über Zwischenfälle selbst in der jüngeren Vergangenheit, vielleicht eine Generation zurück. Unerklärliche Ereignisse, merkwürdige Erscheinungen, selbst der ein oder andere Mord an einer Frau, von der es heißt, sie wäre eine Hexe gewesen. Eigenartig, wie diese Dinge fortbestehen.«
»Ein Haufen Unsinn, wenn du mich fragst!«, schnaubte ihr Ehemann.
»Ich sage nicht, wohlgemerkt, dass es keinen Hexenkult mehr gibt – keine gleich gesinnten Irren, die sich treffen und ihren Ritualen nachgehen, heißt das. Ich bin während meiner Zeit als Chief Constable mehr als einmal über diese Dinge gestolpert, und ich finde es erstaunlich, wie viele ansonsten intelligente Menschen sich von diesem Unsinn einwickeln lassen! Andererseits darf man nicht übersehen, dass in all diesen Ritualen häufig ein starkes sexuelles Moment vorherrscht.«
Er beugte sich zu Meredith hinüber.
»Mein Rat an Sie, meine Liebe, lautet, sich da rauszuhalten. Heutzutage hängen oder verbrennen wir keine Hexen mehr, und sie dürfen ihren Ritualen nachgehen, solange sie wollen – vorausgesetzt natürlich, sie übertreten dabei keine Gesetze! Wir müssen lediglich sicherstellen, dass keine Minderjährigen hineingezogen werden, für den Fall, dass das, was diese Leute machen, willigen Erwachsenen nicht verboten ist, aber bei Minderjährigen als Missbrauch strafbar wäre. Die zweite Sache, auf die zu achten wäre, ist der Gebrauch verbotener Substanzen. Es geht nichts über eine durch Drogen hervorgerufene, bewusstseinserweiternde Erfahrung, will man einen Kandidaten von einer Parallelwelt voller merkwürdiger Mächte überzeugen.«
Meredith kicherte.
»Man kann weder Sadie noch Mervyn als Hippies bezeichnen, falls Sie das meinen. Beide sind in mittlerem Alter, und soweit ich es beurteilen kann, gelten sie als ehrbare Geschäftsleute. Nichts deutet darauf hin, dass sie magische Pilze genossen hätten – jedenfalls meiner Meinung nach. Allerdings kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Sadie Warren von den Erträgen ihres Ladens leben kann.«
»Vielleicht hat sie ein Nebeneinkommen? Eine Pension oder etwas in der Art?«, schlug Moira ernsthaft vor.
»Eine Witwenrente beispielsweise oder sonstige Mittel von ihrem verstorbenen Ehemann? Vielleicht hatte Mr Warren eine hohe Lebensversicherung, die es ihr ermöglicht, nach seinem Tod ohne finanzielle Sorgen zu leben?«
»Bitte!«, sagte Markby.
»Lenken Sie nicht schon wieder vom Thema ab.« Sir Basil räusperte sich, und alle sahen ihn aufmerksam an.
»Wie ich bereits sagte, ohne handfeste Beweise, dass kriminelle Aktivitäten stattfinden, fällt es schwer, eine Begründung für ein Verbot dessen zu formulieren, was auch immer sie tun«, sagte er ernst.
»Einige der Anhänger, beispielsweise diese Sadie Warren, werden sicherlich behaupten, dass es ihr Glaube ist, und auf die Religionsfreiheit pochen. Paganismus ist zurzeit wieder groß im Kommen, und wie ich gehört habe, liegt im Parlament eine Eingabe betreffs der offiziellen Anerkennung von Paganismus als Religion. Wir haben jedenfalls nicht den geringsten Grund zu der Annahme, dass Mrs Warren das Gesetz übertritt. Sehen wir den Tatsachen ins Auge – wie könnten wir ein Verbot erzwingen? Hexenkunst, und darum handelt es sich hier zweifelsohne, wurde im Verlauf der Jahrhunderte aktiv und blutig verfolgt und trotzdem nicht ausgerottet. Und Hexen sind nicht die Einzigen, die um ihre Rituale und Aktivitäten ein Geheimnis machen. Wo soll man die Grenze ziehen zwischen dem, was die Anhänger des Hexenkults als altes paganistisches Ritual darstellen, und dem, was das Fremdenverkehrsamt als eine interessante Tradition beschreiben würde? Es ist nun einmal häufig so, dass diese Traditionen in abgelegenen Gegenden überleben. Paganistische Feste, bei denen die Menschen um einen Maibaum tanzen, Männer, die sich Tierköpfe überstülpen und ganz in Grün kleiden, alles Mögliche eben. In neunundneunzig von hundert Fällen wissen diejenigen, die es tun, nicht einmal den dahinter steckenden Grund. Es ist nicht mehr als ein einheimischer Brauch, etwas, das sie schon immer getan haben. Andere Menschen finden es ganz bezaubernd! Sie schicken Fernsehteams in die abgelegenen Dörfer, filmen die fröhliche Ausgelassenheit und bringen Berichte darüber in den Abendnachrichten.« Sir Basil runzelte die Stirn, bevor er fortfuhr.
»Sie mögen Recht haben mit Ihren Verdachtsmomenten, Meredith, doch ich an Ihrer Stelle würde in Parsloe St. John niemanden mehr wegen dieser Dinge ausfragen. Und ich meine wirklich niemanden. Man kann bei diesen Angelegenheiten niemals wissen, wer auf welcher Seite steht und wer alles darin verwickelt ist. Falls Sie Recht haben und die Dinge so stehen, wie Sie denken, dann tut es mir ausgesprochen Leid, doch ich kann nicht sagen, dass ich überrascht wäre. Nachdem Sie nun Ihr Interesse signalisiert haben, ist es ganz und gar unwahrscheinlich, dass irgendjemand mit Ihnen darüber spricht. Vergessen Sie die Geschichte.« Sie saßen für eine Weile schweigend da, nippten an ihren Getränken und starrten in das knisternde Kaminfeuer. Schließlich sagte Markby:
»Auf dem Weg hierher haben wir bei einem prähistorischen Monument angehalten. Zwei große Steine auf einer Wiese.«
»Der Stehende Mann und seine Frau?« Moira Newton nickte.
»Sie sind wahrscheinlich dreitausend Jahre alt, vielleicht sogar noch älter. Ist es nicht eigenartig, dass sie so lange überdauert haben? Meiner Meinung nach kann es nur daran liegen, dass die Einheimischen diesen Steinen irgendeine Magie zuschreiben. Aberglaube, wie Basil schon gesagt hat. Irgendwie spukt in ihren Köpfen die Vorstellung herum, dass dieser Ort heilig ist und nicht entweiht oder verändert werden darf. Obwohl ich glaube, dass es früher noch einen dritten Stein gegeben hat. Er wurde irgendwann zum Friedhof von Parsloe St. John geschafft. Der damalige Pfarrer ließ ihn Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wieder entfernen, weil er die falsche Art von Aufmerksamkeit auf sich zog. Hernach verliert sich die Spur des dritten Steins.«
»Was für eine falsche Art von Aufmerksamkeit?«, fragte Meredith. Moira blickte unbestimmt drein.
»Oh, die Dorfbewohner berührten den Stein, wenn sie vorbeikamen, weil es Glück bringen sollte. Dergleichen Dinge, nehme ich an.« Meredith dachte darüber nach.
»Kaum ein Grund für den Pfarrer, den Stein entfernen zu lassen. Nein, da muss mehr dahinter stecken.«
»Und?«, fragte Meredith, als sie auf dem Heimweg hinter dem Steuer von Alans Wagen saß.
»Wirst du Sir Basils Vorschlag annehmen und ganz inoffiziell ein paar Nachforschungen anstellen?« Sie fuhren auf der gleichen Strecke wie zuvor. Es war bereits sehr spät, doch im Mondlicht schimmerte die Straße vor ihnen wie ein silbernes Band. Die Scheinwerfer waren fast überflüssig. Von Zeit zu Zeit sahen sie ein Kaninchen, das bei ihrer Annäherung hastig in den Graben hoppelte, oder ein Augenpaar von einem größeren Wildtier, welches kurz in den Büschen aufleuchtete, doch ansonsten waren sie ganz allein unterwegs. Kein Fahrzeug, das ihnen entgegenkam, keine Anwesen oder Häuser, in denen Licht brannte. Sie waren so einsam, als wären sie auf dem Mond.
»Wenn ich das Einverständnis von Sir Basils Nachfolger erhalte. Auf jeden Fall werde ich dafür sorgen, dass der Vorfall von Vandalismus in Wynnes Vorgarten zu Protokoll genommen wird, und ich werde mit den Leuten reden, die Olivia Smeaton kannten. Viel mehr kann ich sowieso nicht tun.« Alans Stimme klang geistesabwesend. Seine nächsten Worte verrieten den Grund.
»Die Newtons haben es sehr gemütlich in ihrem Cottage, findest du nicht?«
»Ja, das haben sie. Aber sie besitzen außerdem noch ein Haus in der Stadt, vergiss das nicht! Moira hatte ganz Recht damit, dass sie die Brücken hinter sich nicht abbrechen will!«
»Für Moira ist das etwas ganz anderes«, entgegnete Markby.
»Moira besitzt wahrscheinlich jede Menge Freundinnen in der Stadt. Du hingegen hast keine Freunde oder Freundinnen in Bamford, nur Bekanntschaften. Das Gleiche gilt für mich. Wen kenne ich schon dort außer Laura und ihrer Familie – und die muss ich ganz bestimmt nicht alle fünf Minuten sehen! Außerdem haben sie jetzt das Cottage in Parsloe St. John, und wenn wir …«
»Wenn wir Rookery House kaufen würden, könnten wir sie immer sehen, wenn sie am Wochenende zu ihrem Cottage fahren? Alan, so geht das einfach nicht!« Sie stieß einen verärgerten Seufzer aus.
»Ich werde nicht aufhören zu arbeiten, und das ist mein letztes Wort! Du kannst meinetwegen in den Ruhestand gehen und dich auf Rookery House zurückziehen wie die alte Olivia. Du würdest es keinen Monat lang aushalten!«
»In Dörfern ist meistens überraschend viel los«, entgegnete er.
»Die Leute suchen sich ihre Unterhaltung selbst. Du hast es doch noch nie erlebt! Probier es doch einfach mal aus!«
»Ganz im Gegenteil, Reverend Dave hat mir das volle Programm aufgezählt. Er hat mir die Wahl gelassen zwischen den jungen Müttern alle vierzehn Tage mittwochs und den alten Leuten an den Mittwochnachmittagen dazwischen. Wie es aussieht, brauche ich weder ein Baby noch ein Rentenbuch, um mich zur Teilnahme zu qualifizieren. Ich könnte mich auch der Teekocherbrigade anschließen. Und falls ich Lust auf etwas Abwechslung verspüre, bleibt mir immer noch Sadie Warrens Hexensabbat! Ich zweifle nicht eine Sekunde daran, dass die Menschen in Parsloe St. John ihre eigene Unterhaltung haben, und wie! Ich wüsste nur nicht, was von alledem mich auch nur im Geringsten interessieren könnte!«
»Du hast einfach keine Lust, dich auf eine Idee einzulassen, die nicht von dir selbst stammt, wie?«, fauchte er mit einer Vehemenz, die sie von ihm in dieser Form noch nie gehört hatte.
»Du willst alleine bleiben und dein eigenes Ding machen, das ist es! Ist dir eigentlich jemals zu Bewusstsein gekommen, dass manche Leute dich als ziemlich schwierig empfinden könnten? Hast du je überlegt, dass der Grund, aus dem du keinen Posten mehr im Ausland angeboten bekommst, vielleicht darin liegt, dass du launisch bist wie ein Teenager und dass es fast unmöglich ist, mit dir auszukommen?«
»Du hast nicht das geringste Recht, so etwas zu sagen! Woher willst du das überhaupt wissen? Du hast noch nie mit mir zusammengearbeitet!« Sie konnte wohl kaum anhalten und ihn aus dem Wagen werfen, nicht hier mitten im Nichts, spät in der Nacht – doch wären sie in der Stadt oder in einer bewohnten Gegend gewesen, sie hätte es getan, so wütend war sie. Stattdessen erhöhte sie die Geschwindigkeit und raste trotz der schlechten Lichtverhältnisse über die Landstraße, bis er sie bat, langsamer zu fahren.
»Warum verlangst du nicht meinen Führerschein, Superintendent? Warum nicht?«
»Jetzt wirst du albern, Meredith. Du musst uns schließlich nicht in den Graben fahren, um deinen Standpunkt zu untermauern.«
»Ich versuche nicht, meinen Standpunkt zu untermauern! Warum sollte ich? Du bist doch derjenige, der mich ununterbrochen angreift. Du versuchst doch, mir deine Standpunkte aufzuzwängen!«
»Es tut mir Leid.« Sie hörte ihn seufzen.
»Es tut mir wirklich Leid, Meredith. Ich hatte kein Recht, so etwas zu dir zu sagen. Ich habe nie mit dir zusammen in einem Büro gearbeitet. Vielleicht bist du ja eine unverbesserliche Optimistin, was deine Arbeit angeht, ich weiß es nicht.« Der Wagen schleuderte um eine Kurve.
»Hör zu, Meredith, ich liebe dich! Ich möchte doch nichts weiter, als mit dir zusammen in einem schönen Haus leben und … einfach normal sein.«
»Ich dachte eigentlich immer, dass ich ganz normal bin, danke sehr.«
»Meredith, niemand verlangt von dir, dass du deine Tage mit Teekochen für Wohltätigkeitsveranstaltungen verbringst!«
»Rein zufällig habe ich Pater James Holland schon einmal in seinem Jugendclub in Bamford ausgeholfen.«
»Ja, ich weiß. Ich entschuldige mich, in Ordnung?« Die bissige Diskussion wurde auf höchst unerwartete Weise unterbrochen. Meredith trat heftig auf die Bremse, und Markby packte erschrocken das Armaturenbrett.
»Was war das?«, rief sie, bevor er protestieren konnte.
»Dieser Lichtschein am Horizont?« Er war immer noch zu sehen, ein heller, rötlicher Lichtschein vor ihnen über dem nächsten Hügelkamm. Meredith hielt an, und beide starrten durch die Windschutzscheibe nach draußen.
»Ein Feuer vielleicht?«, murmelte Alan.
»Ein Heuschober oder so was? Häuser stehen dort keine, oder? Ich hab auf dem Hinweg jedenfalls keine gesehen.« Meredith lenkte den Wagen an den Straßenrand und schaltete den Motor ab.
»Los, komm.« Sie hatte bereits die Hand am Türgriff.
»Wohin?«, fragte er verblüfft.
»Dort hinauf natürlich!«
»Warte, warte!«, protestierte er.
»Wir können doch einfach noch ein Stück weiterfahren und uns die Sache von der Straße aus ansehen!« Sie war bereits aus dem Wagen und stand auf der Fahrbahn.
»Wir gehen zu Fuß über das Feld, das ist kürzer«, informierte sie ihn durch das Seitenfenster.
»Dieses Feuer, darauf gehe ich jede Wette ein, ist ganz in der Nähe der prähistorischen Steine!« Markby stolperte hinter Meredith her, die Böschung hinauf, durch eine Lücke in der Hecke und über das Feld dahinter. Es war kalt geworden, der Wind wehte stärker und kühlte ihre Gesichter und Hände. Markby stolperte, fing sich gerade noch und stieß einen Fluch aus.
»Einer von uns bricht sich noch einen Knöchel!«, schimpfte er.
»Wahrscheinlich finden wir ein Lager von New-AgeLeuten, weiter nichts. Sie haben Hunde, weißt du? Ich dachte, ich warne dich lieber.« Doch seine Stimme verriet seine eigene erwachte Neugier. Er war genauso begierig wie Meredith, die Ursache für den Lichtschein zu erkunden. Sie waren inzwischen ganz nah. Nur noch ein schmaler Saum von Bäumen, schwarze Riesen vor dem nächtlichen Horizont, trennte sie von der weitläufigen Wiese mit dem Stehenden Mann und seiner Frau. Meredith und Markby stapften über unebenen Boden, durchzogen von Wurzeln, die wie Fußangeln aus der Erde ragten, verfingen sich in herabhängenden Ranken und Zweigen, versanken bis zu den Knöcheln in aufgeweichtem Humus, doch schließlich hatten sie den äußeren Rand der Bäume erreicht, wo sie außer Atem innehielten. Vor ihnen erstreckte sich die freie, leicht ansteigende Wiese. Auf der Wiese spielte sich eine außergewöhnliche Szenerie ab. Die prähistorischen Steine befanden sich auf dem höchsten Punkt des Kamms und schimmerten im Lichtschein eines großen, flackernden Feuers. Der Wind jagte die Flammenzungen unberechenbar zuerst in diese, dann in jene Richtung, und es hatte den Anschein, als liefe jeder, der sich zu weit näherte, Gefahr, von den roten Fingern erfasst und verbrannt zu werden. Trotz dieses nicht unbeträchtlichen Risikos bewegte sich ein Kreis dunkler Gestalten Hand in Hand um das uralte Monument, tiefschwarze Schatten vor dem Horizont und den orangefarbenen Flammen. Manchmal zog sich der Kreis um die Steine zusammen, dann weitete er sich wieder in einem Rhythmus, den Markby und Meredith nicht zu erkennen vermochten. Meredith hielt den Atem an und spähte hinter einem Baumstamm hervor auf die Szene.
»Pass auf, dass sie dich nicht entdecken!«, flüsterte sie. Neben ihr zählte Alan die Gestalten.
»Eins … zwei …«, bis er schließlich sagte:
»Ich kann zwölf Tänzer ausmachen, alles Erwachsene. Allerdings kann ich nicht sagen, ob es Männer oder Frauen sind.«
»Alan!«, flüsterte Meredith mit erregter Stimme.
»Alan, es sind zwölf Tänzer – und drei Steine!« Ich für meinen Teil habe stets geglaubt und bin auch heute noch fest davon überzeugt, dass es Hexen tatsächlich gibt. Sir Thomas Browne
KAPITEL 11
ES GAB keinen Zweifel – dort standen drei große dunkle Umrisse, wo eigentlich nur zwei hätten stehen dürfen.
»Das dort ist der Stehende Mann!«, flüsterte Meredith.
»Ich erkenne den Umriss, die schiefe Oberseite. Und dort … das ist ein zweiter Stehender Mann, gleich daneben!«
»Das ist die Frau«, flüsterte Alan zurück. Sie spürte seinen
Atem an ihrem Ohr.
»Nein, das dort ist seine Frau, der kleinere Stein auf der anderen Seite!« Sie hörten das laute Prasseln des Feuers und rochen den Qualm. Es schien Meredith, als hörte sie über das Brüllen der Flammen hinweg ein weiteres Geräusch, einen ernsten, monotonen Sprechgesang, als würde der Kreis aus Tänzern irgendein unbekanntes Mantra wiederholen, wieder und immer wieder. Plötzlich breitete sich Angst in Meredith aus, und sie umklammerte Markbys Arm.
»Alan? Moira hat gesagt, dass es ursprünglich drei Steine waren und einer fortgeschafft worden wäre …«
»Er ist ganz bestimmt nicht aus eigener Kraft zurückgekehrt, falls es das ist, was du glaubst«, unterbrach er sie.
»Nein, im Gegenteil, sieh nur …« Er legte seine Hand beruhigend auf die ihre.
»Es ist kein Stein. Es ist ein weiteres Mitglied dieser merkwürdigen Gruppe. Es steht nur reglos da, im Gegensatz zu den anderen.« Noch während Markby sprach, bewegte sich der
»Stein«. Fast hätte Meredith einen erschrockenen Ruf ausgestoßen, doch Alans Hand packte die ihre fester, um sie zu warnen. Die Gestalt verharrte, obwohl sie sich nun bewegte, in ihrer schiefen Haltung, die ihr diese verblüffende Ähnlichkeit mit dem prähistorischen Stein verliehen hatte. Es war, als hätte der Stehende Mann eine Form aus Fleisch und Blut angenommen, um sich zu den Tanzenden zu gesellen und mit unbeholfenen Schritten um die verbliebenen beiden Steine zu tanzen. Ohne Vorwarnung hielt der gesamte Kreis inne. Der große, schiefe Teilnehmer verließ seinen Platz und bewegte sich auf den größeren der beiden echten Steine zu. Er stand davor und hob einen langen, spitzen, dünnen Gegenstand. Er führte merkwürdige, abgehackte Bewegungen vor dem Stein aus, bevor er sich wieder zurückzog. Die übrigen Gestalten stießen ein dumpfes Stöhnen aus.
»Dreizehn«, murmelte Alan in Merediths Ohr.
»Es sind insgesamt dreizehn, was auch immer sie sind. Der dort mit der schiefen Haltung ist aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Anführer.« Merediths erster, aus atavistischen Ängsten geborener Schreck war verklungen, und ihr kühler Verstand hatte die Oberhand zurückgewonnen.
»Das ist Mervyn Pollard!«, sagte sie leise und mit fester Stimme.
»Der Gastwirt aus dem King’s Head Pub.« Bevor Alan antworten konnte, gab es draußen bei dem großen Feuer eine neue Bewegung. Der Kreis löste sich auf, und die Gestalten drängten sich zusammen. Dann traten zwei oder drei von ihnen vor und näherten sich der Feuersbrunst. Die Flammen loderten auf, erloschen und erwachten von neuem flackernd zum Leben, allerdings weniger hoch als zuvor.
»Sie löschen das Feuer«, murmelte Alan.
»Das Ritual ist vorüber. Komm, es wird Zeit, dass wir von hier verschwinden.« Sie zogen sich langsam tiefer in den Schatten zurück und wanderten über das Feld in Richtung Wagen. Beide hätten es begrüßt, wenn die Nacht dunkler gewesen wäre, auch wenn keiner bereit war, dies dem anderen gegenüber zuzugeben. Wie die Dinge standen, fühlten sie sich so leicht zu entdecken wie ein Eisläufer auf einem zugefrorenen Teich, während sie das im bleichen Mondlicht daliegende Feld überquerten. Als sie in das noch warme Wageninnere kletterten, atmete Meredith erleichtert durch. Die vertraute Umgebung gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Dort draußen hatten sie etwas Unheimlichem, Uraltem beigewohnt, und es hatte nicht gerade freundlich ausgesehen. Im Wagen waren sie zurück in der realen Welt und hatten wieder alles unter Kontrolle. Auch die eigenen Gefühle.
»Tut mir Leid wegen unseres Streits vorhin«, sagte Meredith und fügte reumütig hinzu:
»Ich kann nichts dafür, wenn ich manchmal unbedingt meinen eigenen Kopf durchsetzen muss.« Er legte ihr tröstend den Arm um die Schulter, und sie presste ihr Gesicht in den Stoff seiner Jacke.
»Ich wollte nicht so kritisch sein, wie es vielleicht geklungen hat«, sagte er.
»Ich möchte nicht, dass du anders bist, als du bist. Ich liebe dich. Uns wird schon noch etwas einfallen, mit der Zeit.« Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
»Sicher.« Er war loyal, und das gefiel ihr. Er wich außerdem der Wahrheit aus, die da lautete, dass er sich wünschte, sie würde ihre Vorstellungen mehr den seinen anpassen – was sie nicht konnte. Ich bin zu verdammt ehrlich, als es für mich gut wäre!, durchzuckte es sie. Wir dürfen uns beide nicht wieder in derart alberne Streitereien ziehen lassen. Die dümmsten Streite richten manchmal den größten Schaden an. Das Schlimmste, was sie sich vorstellen konnte, war, die Kontrolle zu verlieren. Die Kontrolle über sich selbst. Diese Tänzer am Feuer … war das wirklich nur ein harmloses altes Ritual gewesen? Oder riskierten sie, die Dinge ins Rollen zu bringen, etwas freizusetzen, das sie hinterher nicht wieder einfangen konnten? Etwas, das sich selbstständig machen konnte und das Land mit Verwüstung überzog?
»Wer auch immer sie waren«, sagte sie, »sie sollten damit aufhören.«
Sie passierten die leere Haltebucht am Straßenrand, wo sie auf dem Hinweg geparkt hatten. Wo auch immer die heimlichen Tänzer ihre Wagen abgestellt hatten, es musste irgendein Platz sein, der von der Straße her nicht einzusehen war und wo niemand zufällig vorbeikommen und die Nummernschilder notieren konnte.
Sowohl Meredith als auch Markby waren erleichtert, als sie endlich das Cottage erreicht hatten. Meredith trat ihre ruinierten Schuhe von den Füßen und musterte verdrießlich ihre durchlöcherten Nylons und die schmutzigen Füße und Beine. Sie setzte sich auf einen Stuhl in der Küche und beobachtete Alan, der den Wasserkessel aufsetzte.
»Die britische Antwort auf einfach alles«, sagte sie.
»Selbst auf Hexerei. Eine Tasse Tee.«
»Falls es Hexerei war.«
»Ach, komm schon! Es war ganz bestimmt ein Hexensabbat! Ich weiß nicht allzu viel darüber, aber eine ungerade Anzahl, das ist doch angeblich gut, oder? Und die Dreizehn hat auch eine bestimmte Bedeutung. Zwölf plus einer. Genau das haben wir gesehen. Zwölf gewöhnliche Soldaten und ein Offizier.«
»Von dem du glaubst, dass es der Bursche ist, dem das Pub gehört.«
»Ich glaube das nicht nur, ich bin ganz sicher. Mehr noch, er hat dieses Bild von den Steinen gemalt, das in Sadie Warrens WIR-HABEN-ALLES-LADEN hängt! Er wollte mir kein Gemälde der Steine verkaufen! Ich bin keine aus dem Kreis der Eingeweihten, darum nicht! Ich sag dir was, Alan – geh durch dieses Dorf und finde heraus, wer sonst noch alles ein Gemälde von Mervyn Pollard besitzt, ein Gemälde von diesen Steinen da draußen, und du weißt, wer heute Nacht um das Feuer getanzt ist!« Alan reichte ihr grinsend einen Becher mit frisch aufgebrühtem, dampfend heißem Tee. Sie nahm ihn dankbar und hielt ihn in ihren kalten Händen, um sich daran zu wärmen.
»Kaum die Art von Beweis, die vor einem Gericht Bestand hätte«, brummte er.
»Wirst du wohl endlich damit aufhören, ständig von Beweisen zu reden?«, fauchte sie verärgert.
»Darum geht es doch gar nicht!«
»Dank den Sternen, dass wir Gerichte haben, die anständige Beweise verlangen, bevor sie jemanden verurteilen, und keine eigenartigen Male auf deiner Haut akzeptieren oder die Aussage von irgendeinem Denunzianten, der gehört hat, wie du mit deiner Katze redest! Früher einmal wurden Menschen wegen genau so etwas verbrannt oder aufgehängt!« Sie trank einen Schluck von ihrem Tee.
»Also schön. Was werden wir jetzt unternehmen? Sollen wir der Polizei Bescheid geben? Schließlich handelt es sich bei dem Stehenden Mann und seiner Frau um ein historisches Monument, und wenn dieser Klamauk länger andauert, könnte es beschädigt werden!« Markby schüttelte den Kopf.
»Die Leute da draußen heute Nacht sind bestimmt die Allerletzten, die das Monument beschädigen würden. Sie wollen es erhalten, um jeden Preis. Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee wäre, die Polizei zu benachrichtigen.« Er bemerkte ihren überraschten Blick.
»Sieh mal, das waren wahrscheinlich Einheimische, und wie Sir Basil so schön gesagt hat – wir wissen nicht, wer alles zu ihnen gehört.« Markby stellte seinen Becher ab und sah hinauf zur Uhr an der Wand.
»Es ist schon spät, aber ich schätze, ich rufe noch mal bei den Newtons an und informiere Sir Basil über das, was wir gesehen haben. Soll er sich doch überlegen, was zu machen ist – nicht dass ich sagen könnte, diese Leute hätten etwas Illegales getan.«
»Sie waren sicher auf privatem Land, außerdem kann man doch nicht überall herumlaufen und Feuer abbrennen – die Feuerwehr mag das ganz bestimmt nicht. Nicht einmal Bauern ist es noch erlaubt, ihre Stoppelfelder abzubrennen, richtig? Dieses Feuer hätte ohne weiteres außer Kontrolle geraten können. Es war ziemlich windig dort draußen, und die Flammen schlugen mal hierhin, mal dorthin. Es ist immer noch sehr trocken nach dem langen, heißen Sommer. Nur eine unerwartete Windbö aus der falschen Richtung, und ruck, zuck haben wir den schönsten Waldbrand!« Merediths Becher beschrieb einen weiten Bogen, und sie verschüttete ein wenig von ihrem Tee.
»Also schön, also schön, ich rufe Sir Basil an. Aber es ist sinnlos, jetzt noch nach draußen zu fahren. Sie waren bereits im Aufbruch, als wir gegangen sind, und inzwischen ist bestimmt niemand mehr dort.«
»Keine Namen und Adressen zum Notieren!« Es gelang ihr zu lächeln.
»Was hat Sir Basil gesagt?«, erkundigte sie sich kurze Zeit später.
»Nicht viel.« Die lakonische Antwort wurde mit einem wütenden Funkeln quittiert.
»Was hätte er denn sagen sollen?«, protestierte Markby.
»Ich musste mich tausendmal entschuldigen, weil ich sie aus dem Bett gerissen habe. Sie hatten sich gerade hingelegt. Dann kam Moira an den Apparat und wollte jedes Detail unseres nächtlichen Abenteuers wissen. Sie sagt übrigens genau wie du, dass die maximale und zugleich ideale Zahl der Teilnehmer an einem Hexensabbat dreizehn ist, zwölf plus ein Anführer. Sie hat eine Freundin bei der örtlichen historischen Gesellschaft, und sie und Sir Basil wollen morgen zu ihr fahren, um sich genauer zu informieren. Sie werden sämtliche Bücher durchforsten. Vielleicht gibt es Hinweise in den Aufzeichnungen. Sir Basil wird außerdem seine Freunde anrufen und veranlassen, dass ein Streifenwagen nach draußen geschickt wird, um sicherzustellen, dass das Feuer auch tatsächlich ordnungsgemäß, wie du es nennst, gelöscht wurde. Du hast in ein Wespennest gestochen, meine Liebe.«
»Ich? Du warst doch bei mir! Du hast doch selbst alles gesehen!«
»Ja, und jetzt werde ich das alles ganz schnell wieder vergessen. Ich bin müde und gehe ins Bett. Häng noch schnell ein paar Knoblauchknollen über die Türen, wenn du möchtest, und dann komm.«
Bereits um neun Uhr am nächsten Morgen war Sir Basil am Telefon. Das ist die Rache dafür, dachte Markby, weil wir ihn gestern Abend aus dem Bett gerissen haben.
Doch Sir Basil hatte andere noch viel früher aufgeschreckt.
»Ich habe meinen Nachfolger angerufen. Er hat nichts dagegen einzuwenden, dass Sie ein paar Fragen wegen Olivia Smeaton stellen. Falls Sie etwas finden, muss die Sache natürlich offiziell untersucht werden. Doch wie Sie bereits sagten, die Frau ist tot und begraben, und daran können wir nichts mehr ändern. Moira beabsichtigt immer noch, ihrer Freundin Mireille Smeaton zu schreiben, und falls Sie es wünschen, kann sie fragen, ob Mireilles Mann Lawrence bereit wäre, sich mit Ihnen zu unterhalten. Es würde natürlich eine Reise nach Cumbria bedeuten. Ich bezweifle, dass Lawrence deswegen hierher kommen würde. Ich weiß überhaupt nicht, wie aktiv er in seinem Alter noch ist.«
»Wenn alles andere versagt, fahre ich vielleicht tatsächlich nach Cumbria und statte ihm einen Besuch ab«, stimmte Markby zu, während er insgeheim fluchte.
»Der Chief Constable war tatsächlich sehr interessiert«, fuhr Sir Basil fort.
»Motorsport ist sein Hobby, und er wusste sogar, wer Olivia Smeaton war. Er konnte sich erinnern, den Nachruf gelesen zu haben. Ihm war nicht bekannt, dass sie wieder in England gelebt hat und dass sie überhaupt noch am Leben war. Wenn Sie mit Ihren Nachforschungen fertig sind, schicken Sie ihm einen kurzen Bericht. Er will sicher wissen, ob sich etwas ergeben hat – falls überhaupt.«
Markby verabschiedete sich und legte den Hörer auf. Er hatte tatsächlich in ein Wespennest gestochen – ganz gleich, was er Meredith vorgeworfen hatte, er selbst war nicht ein Stück besser. Hätte er doch nur den Mund gehalten. Jetzt hielt er den schwarzen Peter in der Hand. Er musste Nachforschungen anstellen, und er hatte keinen einzigen plausiblen Grund dafür – außer einer inoffiziellen Ermunterung. Falls er etwas herausfand, musste er wie verlangt Bericht erstatten und konnte den Fall dankbar an andere abtreten. Falls er nichts herausfand, konnte er zumindest Wynne Carter beruhigen – und den Motorsportfan, den sie jetzt offensichtlich als Chief Constable hatten.
»Wünsch mir Glück«, sagte er zu Meredith, als er sich fertig machte, um ins Dorf zu gehen.
»Wohin willst du zuerst?«
»Mit dem Arzt reden, falls er Zeit hat. Danach will ich zu diesem Bauunternehmer, diesem Crombie. Treffen wir uns zum Mittagessen im Pub?«
»Ja!«, antwortete sie mit einer in seinen Augen völlig unnötigen Begeisterung.
»Aber frag den Wirt nicht, warum er Ringe unter den Augen hat!«, empfahl er halb im Scherz.
Wie sich herausstellte, musste er seine geplante Besuchsreihenfolge umkehren. Dr. Burnett war bereits zu einem Krankenbesuch unterwegs und würde erst am Nachmittag wieder zu Hause eintreffen.
Die Auskunft kam aus dem Mund von Mrs Burnett, einer dünnen, nervösen Frau mit glanzlosem Haar und abgespanntem Gesicht, die einen Säugling an ihren unmütterlich flachen Busen drückte. Sie hielt außerdem einen rebellischen Dreikäsehoch an der Hand fest, während sie Markby an der Tür ihres Hauses empfing.
Markby empfand sie als sehr jung, kaum älter als dreiundzwanzig, und sie sah aus, als wäre sie der Belastung kaum gewachsen.
Wenn schon das Äußere von The Abbot’s House heruntergekommen wirkte, dann verriet ein rascher Blick an Mrs Burnett vorbei in den Flur, dass auch dort dringend eine Renovierung vonnöten gewesen wäre. Die Wände waren schmuddelig und mit Fingerabdrücken des Jungen übersät. Der Teppich war bis auf das Rückengewebe abgetreten. In der Luft hing der Geruch nach einfachem Essen, gemischt mit dem feuchtschwülen Aroma von billigem parfümiertem Waschmittel. Im Hintergrund hörte Markby eine Waschmaschine auf vollen Touren schleudern. Es war ein großes Haus, und Markby fragte sich, ob Mrs Burnett Hilfe hatte oder ob sie den Haushalt ganz allein führte. Es sah jedenfalls aus, als wären Janine Cattos Dienste hier dringend vonnöten.
Markby verabschiedete sich, nachdem er wenig begeistert seinen wiederholten Besuch für den Nachmittag angekündigt hatte.
»Wie war noch gleich Ihr Name?«, fragte sie.
»Gedulde dich noch einen Augenblick, Benny! Mami spricht mit einem Besucher! Verzeihung, haben Sie Ihren Namen jetzt genannt? Sind Sie Privatpatient?« In ihren Augen schimmerte ein Hoffnungsfunke.
»Markby«, sagte Markby.
»Superintendent Alan Markby. Ich komme nicht, um ihren Mann in seiner Eigenschaft als Mediziner zu konsultieren …« Das Leuchten in ihren Augen erlosch, und Depression kehrte zurück.
»… sondern in meiner Eigenschaft als Polizeibeamter. Bitte erschrecken Sie nicht; mein Besuch ist ganz und gar inoffiziell.«
Sie sah ihn zweifelnd an.
»Oh. Ich verstehe.« Die Tür flog sehr brüsk vor Markbys Nase ins Schloss. Er stand noch für einen Augenblick auf der Treppe und betrachtete die verwitterten Holzdielen. Seine Gedanken waren weniger bei Dr. Burnett und seiner Frau, als vielmehr bei etwas anderem, das ihm persönlich weit näher stand. Er trat zurück und betrachtete eingehend die Fassade des Hauses. Meredith hatte angedeutet, dass The Abbot’s House in einem schlimmen Zustand war, und sie hatte Recht. Er fragte sich, wie viel es Burnett kosten würde, das Haus renovieren zu lassen, nur die wichtigsten Dinge. Und überlegte weiter, wie viel es kosten würde, Rookery House zu renovieren und anschließend instand zu halten. In einem Seitenfenster bewegte sich ein Vorhang, und Markby wandte sich hastig ab und ging die Treppe hinunter zum Tor. Rookery House war zwar dem äußeren Anschein nach in einem besseren Zustand als The Abbot’s House – oder zumindest nicht in einem schlimmeren –, doch es würde seine neuen Besitzer trotzdem eine hübsche Stange Geld kosten.
»Andererseits ist es nicht gerade so, als wäre ich blank«, murmelte er vor sich hin. Er lebte in einfachen Verhältnissen. Seit vielen Jahren war er allein und musste für niemanden sorgen. Angesichts seiner Dienstjahre und seines Rangs war sein Gehalt nicht schlecht.
»Außerdem wird es an der Zeit, dass ich es mir ein wenig gemütlicher mache«, murmelte er. Markbys Scheidung lag etliche Jahre zurück. Sie war sauber und glatt über die Bühne gegangen, hauptsächlich deswegen, weil er damals kein Geld besessen hatte. Sie hatten keine Kinder. Rachel, seine frühere Frau, hatte eingesehen, dass ein langwieriger Streit um Besitztümer lediglich den Anwälten Geld eingebracht hätte. Sie hatte sich mit einer Aufteilung des ehelichen Hausstands zufrieden gegeben, einem Arrangement, das ihr die besten Möbel, den größten Teil der Hochzeitsgeschenke und jeden elektrischen Apparat zugesichert hatte, angefangen bei der Küchenmaschine bis hin zum Fernseher. Ihm war nichts geblieben außer einer Schlafcouch, einem Kamelsattelhocker (ein ungewünschtes und ungeliebtes Hochzeitsgeschenk), dem Picknickgeschirr, drei Vorhängen und einer Garnitur Barhocker für den Küchentresen, für die Rachel keine Verwendung hatte. Fairerweise musste dazu gesagt werden, dass die meisten Hochzeitsgeschenke von ihren Freundinnen und ihrer Familie gekommen waren, also hatte sie wohl auch Anspruch darauf gehabt. Zu jener Zeit war ihm kaum etwas gleichgültiger gewesen. Er hatte sich seine kleine viktorianische Villa in Bamford gekauft, weil er eben zu jener Zeit nach Bamford versetzt worden war, hatte die Vorhänge aufgehängt, die Garnitur Hocker aufgestellt, den Kamelsattel für einen Flohmarkt gespendet und war eingezogen. Seit damals hatte er ein paar Möbel mehr, doch zwei der alten Vorhänge hingen immer noch vor dem Fenster seines Gästezimmers. Er war nicht, wie Rachel es immer wieder behauptet hatte, besonders gut im Haushalt, und er war kein domestizierter Mann. Er war jedoch ein Mann, der häusliche Annehmlichkeiten genoss, wenn sie ihm geboten wurden. Das war auch der Grund, aus dem er seine Schwester und ihre Familie so gerne besuchte. Und weswegen er die gemeinsame Zeit mit Meredith genoss. Er fantasierte über ein Leben mit ihr zusammen, unter einem gemeinsamen Dach, nicht nur gelegentlich gemeinsam im Bett. Es war die geringe Aussicht, seinen Traum jemals zu verwirklichen, die ihn am Vorabend auf der Heimfahrt so unglaublich gereizt hatte reagieren lassen. Er wurde deswegen noch immer von Gewissensbissen geplagt. Doch sein Traum lebte weiter. Er trat durch das Vorgartentor von The Abbot’s House auf die Straße und überraschte sich dabei, als er einen sehnsüchtigen Blick auf das Haus gegenüber warf. Das Haus, in dem Olivia Smeaton gelebt hatte. Er überquerte die Straße und spähte durch das Tor und den unkrautüberwucherten Kiesweg entlang. Auf dem Dach flatterte noch immer die Plane im Wind. Crombie hatte das Dach noch nicht repariert. Crombie. Wenn Markby an diesem Morgen schon nicht mit Doc Burnett sprechen konnte, dann würde er eben den Bauunternehmer besuchen. Und ganz gewiss war er ein guter Mann. Geoffrey Chaucer
KAPITEL 12
DA DER Arzt nicht mehr zu Hause, sondern bereits unterwegs zu Krankenbesuchen war, beschloss Markby, zunächst Max Crombie auf seinem Bauhof aufzusuchen.
Sein Plan wurde erneut durchkreuzt. Als er endlich auf dem Gelände ankam, war gerade Frühstückspause. Ein Arbeiter informierte ihn, mit vollem Mund an einem Schinkensandwich kauend, dass der Boss nach Hause gegangen sei, um dort sein zweites Frühstück einzunehmen.
Markby trottete zu Crombies großem Haus. Es war in jeder Hinsicht ein krasser Gegensatz zu The Abbot’s House. Ein Neubau, höchstens fünfzehn Jahre alt, mit Doppelverglasung und einem Landschaftsgarten, einer Doppelgarage, zwei lebensgroßen Hundestatuen auf der Veranda und, wie er herausfand, als er läutete, einer melodischen Türglocke.
Mrs Crombie öffnete ihm. Sie war klein, pummelig, fröhlich (welch ein Kontrast zu Mrs Burnett in The Abbot’s House!) und führte ihn durch die Eingangshalle in eine sonnendurchflutete, warme Loggia, wo Max auf kostspieligem, bequemem Mobiliar saß, die Füße auf einem Weidenhocker, den Daily Express in der Hand und eine Tasse Kaffee auf dem Tisch neben sich.
»Nehmen Sie doch Platz, Chief«, bot Crombie freundlich an, nachdem er Markbys Namen und den Grund seines Besuchs erfahren hatte.
Markby nahm an, dass Crombie den Titel nicht verwendete, weil er den Dienstgrad nicht begriff, sondern weil er irgendwann einmal in Her Majesty’s Navy gedient hatte. Er war ein stämmiger, rotgesichtiger Bursche mit glatt zurückgekämmtem Haar und sah ganz danach aus, als würde er hin und wieder gerne einen über den Durst trinken. Nichtsdestotrotz entging seinen braunen, scharfen Augen wahrscheinlich kaum jemals etwas Wichtiges, und sie hatten Markby bereits eingehend gemustert. Der Superintendent fühlte sich an eine Wasserratte erinnert, die einen Eindringling in ihr Revier an der Uferböschung taxiert.
Er fragte sich, ob Crombie in Parsloe St. John einheimisch war und äußerte sich diesbezüglich.
»Ganz recht, das bin ich!«, sagte Crombie jovial.
»Hier geboren und aufgewachsen! Natürlich nicht in diesem Haus. Das habe ich erst für mich und meine Frau gebaut, als wir eine Familie geplant haben. Obwohl wir hinterher noch ein paar Jahre auf unsere Julie warten mussten, nicht wahr, Liebes?« Die Bemerkung galt Mrs Crombie, die in diesem Augenblick die Loggia betrat, um Markby eine Tasse Kaffee und einen Teller mit Biskuits zu bringen.
»Ich glaube, ich habe Ihre Tochter bereits gesehen«, erwiderte Markby.
»Sie war auf einem Palomino-Pony unterwegs.«
»Das Pony hat mich ein Vermögen gekostet!«, strahlte Crombie.
»Nicht wahr, Sandra?« Sandra hatte die Loggia wieder verlassen, doch Markby hörte, wie sie sich im Haus bewegte. Crombie wartete nicht auf eine Antwort – vielleicht hatte er nicht damit gerechnet, dass seine Frage gehört wurde, oder es war ihm egal. Er beugte sich vor und tippte seinem Besucher auf das Knie.
»Sie ist eine großartige kleine Reiterin, wissen Sie? Hat schon jede Menge Preise gewonnen. Ich zeig Ihnen die Rosetten, bevor Sie gehen. Hab sie alle auf einer Pinnwand in ihrem Zimmer. Massenweise Rosetten – und ein paar Pokale obendrein!« Die Pokale sind ja wohl kaum an die Pinnwand geheftet, dachte Markby pedantisch.
»Wenn ich richtig informiert bin, hat Olivia Smeaton Ihrer Tochter das Reiten beigebracht?«, fragte er.
»Eine nette alte Dame«, sagte Crombie.
»Sie mochte unsere Julie sehr. Aber wer mag sie eigentlich nicht?«
»In der Tat.« Er kam immer besser mit Crombies rhetorischem Redestil zurecht.
»Ich war gestern Morgen in Rookery House. Habe das Haus besichtigt.« In den kleinen braunen Augen erwachte professionelles Interesse.
»Überlegen Sie, ob Sie es kaufen wollen? Es hat ein paar Renovierungsarbeiten nötig. Ich arbeite gegenwärtig dort, rein zufällig.«
»Das Dach, nicht wahr?«, sagte Markby.
»Mir ist die Plane aufgefallen.«
»Sie haben die Plane gesehen? Ja, ja, das Dach, das kann ich Ihnen sagen.« Max Crombie wackelte ominös mit dem Zeigefinger.
»Ich hab schon jede Menge Arbeit in dieses Dach gesteckt. Dann hat sie die Arbeiten stoppen lassen, bevor wir fertig waren. Die gute alte Mrs Smeaton, sie war in mancherlei Hinsicht sehr eigen. Wie alte Leute eben so sind, nicht wahr? ›Solange es mich überlebt, wird es reichen‹, hat sie gesagt. Deshalb haben wir die Arbeiten nie anständig zum Abschluss bringen können, und das hat mich doch mächtig gestört. Ich habe schließlich einen Ruf in der Branche zu verteidigen. Ich gelte als äußerst zuverlässig, wissen Sie? Ich pfusche nicht, wenn ich einen Auftrag ausführe. Ich mag es nicht, halbe Sachen zu machen. Aber sie war der Boss, sie hat bezahlt. Glauben Sie nicht, dass sie nicht das nötige Geld gehabt hätte!« Crombie starrte in seinen Kaffeebecher und schlürfte den Rest Kaffee, dann stellte er den Becher wieder ab. Auf dem Becher war ein Bild von Windsor Castle.
»Und als dann vor ein paar Tagen die junge Janine zu mir kam und sagte, dass sie im Haus gewesen wäre, um nach dem Rechten zu sehen«, fuhr er schließlich fort, »… sie hat nämlich die Schlüssel, wissen Sie? Sicher wissen Sie das, wenn Sie das Haus besichtigt haben. Janine hat ein Auge auf das Haus, und jetzt, nachdem alles Mobiliar raus ist, hat sie einen Wasserfleck entdeckt und kam vorbei, um es mir zu berichten. Ich habe mir natürlich meine Gedanken gemacht und bin selbst hingegangen, um das Mauerwerk in Augenschein zu nehmen. Und tatsächlich, es gibt bereits die ersten Wasserschäden. Ein richtig hässlicher Fleck an einer Außenwand. So was kann man nicht lassen. Es wird ziemlich schnell schlimmer, wenn man sich nicht darum kümmert. Ich war bei Olivias Nachlassverwalter und hab mit ihm geredet. Es ist ihm anscheinend egal. Aber mir nicht! Mein Ruf steht auf dem Spiel!« Crombie lehnte sich in seinem Korbsessel zurück, und das Geflecht knarrte protestierend, als hätte es Einwände gegen seine letzte Bemerkung.
»Sicher würde Ihnen niemand einen Vorwurf machen?«, fragte Markby.
»O doch, das würden sie«, widersprach Crombie.
»Nehmen wir einmal an, Sie hätten das Haus gekauft. Als Erstes würden Sie ganz bestimmt das Dach instand setzen lassen, habe ich Recht? Sie würden sich nach entsprechenden Baufirmen umhören. Irgendjemand würde mich vorschlagen. ›Nein danke!‹, würden Sie antworten, ›Crombie hat das Dach beim letzten Mal repariert, und sehen Sie sich an, wie viel Wasser durchkommt!‹ Verstehen Sie?«
»Ich verstehe …«
»Mein Ruf wäre dahin, das können Sie sich ja wohl denken!«, ereiferte sich Crombie.
»Sie würden mir niemals irgendeinen Auftrag erteilen!«
»Nun ja, ich …«
»Also hab ich ein paar Männer hingeschickt, um das Dach provisorisch zu sichern und eine Plane über die Ziegel zu ziehen, und dann hab ich den jungen Kevin hingeschickt, um sich die Stelle anzusehen, wo das Wasser ins Mauerwerk eingedrungen ist …«
»Das ist Berrys Junge?«, fragte Markby. Crombie nickte.
»Ich kann im Augenblick keinen meiner Leute entbehren, und deswegen dachte ich, dass Ernie und sein Junge den Job erledigen könnten. Ernie arbeitet gründlich.« Trotz dieser zuversichtlichen Erklärung umwölkte sich Crombies Miene, und er blickte niedergeschlagen drein.
»Aber man kann sich heutzutage einfach auf niemanden mehr verlassen! Nehmen Sie Ernie Berry als Beispiel. Im Lauf der Jahre hab ich ihm jede Menge Arbeit gegeben. Er ist nicht fest bei mir angestellt, verstehen Sie? Ich vermittle ihm Aufträge, die er als Subunternehmer durchführt, wenn ich niemanden entbehren kann. Er ist sozusagen Freiberufler. Er hat mich vorher noch nie im Stich gelassen.«
»Und diesmal schon?« Crombie nickte düster.
»Er hätte gestern herkommen sollen. Ich hatte ihm gesagt, dass er und sein Junge dieses Dach reparieren sollen, bevor es anfängt zu regnen. Ich hab ihnen gesagt, sie sollen zuerst auf dem Bauhof vorbeikommen und alles Notwendige einpacken, was sie für ihre Arbeit brauchen. Auf diese Weise weiß ich, was sie benutzt haben und was es kostet. Ernie stellt keine Rechnungen, wissen Sie? Er kann nicht mal schreiben, ob Sie es glauben oder nicht. Heutzutage, in dieser Zeit, es ist nicht zu fassen! Jedenfalls, der Junge ist gekommen, aber kein Ernie. Ich bin ziemlich überrascht; er ist wie vom Erdboden verschluckt. Das kenne ich überhaupt nicht von ihm.«
»Was hat der Junge dazu gesagt?«, fragte Markby.
»Ich meine Kevin?«
»Ich kriege kein vernünftiges Wort aus ihm raus!«, schnaubte Crombie.
»Er hat nicht alle Tassen im Schrank, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er sagt, er hätte Ernie seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Ich schätze, aber das bleibt unter uns, hören Sie? Ich schätze, der gute alte Ernie hat wieder eine Freundin gefunden. Er war schon immer ein rechter Don Juan.« Es klang eher unwahrscheinlich – angesichts Mr Berrys allgemeinem Erscheinungsbild, und Markby fühlte sich genötigt zu murmeln, dass er Berry im Pub kennen gelernt hatte.
»Ah!«, schnaubte Max Crombie.
»Sie glauben mir nicht, wie? Sie kennen Ernie nicht.« Zugegeben. Markby kannte Ernie Berry tatsächlich nicht. Er riss sich zusammen und kam wieder auf den eigentlichen Grund seines Besuchs zu sprechen.
»Sie haben ziemlich viel für Mrs Smeaton gearbeitet. Wenn ich richtig informiert bin, hat sie sehr zurückgezogen gelebt?« Crombie dachte so lange über Markbys Worte nach, dass Markby bereits glaubte, er hätte ihn nicht richtig verstanden. Er wollte die Frage gerade wiederholen, als Crombie zu einer Antwort ansetzte.
»Nein, so würde ich es nicht nennen. Nein.« Er drückte sich aus dem Korbsessel hoch.
»Möchten Sie vielleicht ein Lager? Ich hab jede Menge Sorten im Kühlschrank.«
»Nein danke. Ich bin zum Mittagessen mit einer Freundin im King’s Head verabredet. Besser, wenn ich vorher noch nichts getrunken habe.«
»Dann sage ich Sandra, dass sie Ihnen noch einen Kaffee bringen soll. He, Sandra!«, brüllte Mr Crombie nach seiner Gemahlin.
»Bring uns noch einen Kaffee, Liebes, ja?« Ein Ruf von irgendwo aus dem Haus schien Zustimmung zu verkünden. Max Crombie kehrte auf seinen Korbsessel zurück. Das geschickte Ablenkungsmanöver war Markby nicht entgangen. Crombie hatte viel Zeit gehabt, um über seine Antwort nachzudenken.
»Sie war nicht mehr so gut auf den Beinen, wissen Sie?«, begann er.
»Es war nicht so, dass sie nicht aus dem Haus wollte, eher, dass sie nicht mehr so weit laufen konnte. Wir waren überhaupt nicht überrascht, als wir hörten, dass sie die Treppe runtergefallen ist, nicht wahr, Liebes?« Die letzten Worte waren an die Adresse von Mrs Crombie gerichtet, die in diesem Augenblick mit einem Tablett und einer Kanne frischen Kaffees hinzukam.
»Arme alte Frau«, sagte Mrs Crombie leichthin.
»Eine schreckliche Art, so zu sterben, aber wenigstens ging es schnell. Ich denke, dass es viel schlimmer ist, wochenlang in einem Krankenhausbett zu liegen, mit Schläuchen und anderen Dingen, die einem aus dem Körper ragen.«
»Die Polizei untersucht die Geschichte doch nicht etwa, oder, Chief?«, erkundigte sich ihr Ehemann. Seine kleinen, scharfen Augen hielten Markbys Blick ohne Blinzeln stand.
»Bei der Gerichtsverhandlung wurde nichts dergleichen angeordnet. Man hat keine Ungereimtheiten festgestellt, was Mrs Smeatons Tod angeht.«
»Sie waren bei der Gerichtsverhandlung zur Feststellung von Mrs Smeatons Todesursache, Mr Crombie?«, fragte Markby.
»Das war ich, allerdings! Ich war auch auf ihrer Beerdigung. Ich halte viel davon, jemand anderem Respekt zu zollen. Sie hat unsere Julie in ihrem Testament bedacht, wissen Sie? Olivia Smeaton war eine sehr nette alte Dame. Was für eine Schande, wirklich.«
»Eine Schande, was mit ihrem Pony geschehen ist. Sie war ganz außer sich deswegen. Die Art und Weise, wie es gestorben ist.«
»Sie haben mit Rory Armitage geredet, stimmt’s?« Crombie strich sich über die glatten Haare.
»Ja, Sie haben vollkommen Recht, es war wirklich eine sehr eigenartige Geschichte.«
»Sie haben kein Kreuzkraut auf Ihrer Koppel gefunden?«
»Nein … Julie und Sandra sind auf Händen und Knien über die Weide gekrochen und haben jeden Winkel abgesucht. Unsere Julie war zutiefst besorgt. Sie liebt ihr Pony über alles.«
»Den Palomino? Sie scheint das andere Pony ebenfalls sehr gemocht zu haben. Das Tier, das gestorben ist, meine ich.«
»Sie hat geheult wie ein Schlosshund!«
»Mr Crombie«, fragte Markby unvermittelt, »gab es in Ihrer Umgebung – hier bei Ihnen zu Hause oder auf dem Bauhof – in letzter Zeit Fälle von Vandalismus? Auch wenn es vielleicht so unbedeutend erschien, dass Sie sich nicht die Mühe gemacht haben, es zu melden?« Markby wusste, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Crombie schwieg. Er rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her.
»Woher wissen Sie das?«, fragte er schließlich.
»Ich wusste es nicht – allerdings hat es im Dorf eine Reihe hinterhältiger Übergriffe gegeben, und ich habe mich gefragt, ob Sie ebenfalls betroffen sind.« Der Bauunternehmer fuhr sich mit der Zunge über die Oberlippe.
»Eine ganz blöde Geschichte, wirklich. Jemand ist in den Bauhof eingebrochen und in das Farbenlager. Er hat ein paar Eimer Farbe ausgekippt und alles voll geschmiert. Und eine Dose Abbeizer geklaut.«
»Abbeizer?«
»Oh, ich habe gehört, was mit dem Geländewagen des Tierarztes passiert ist!« Max Crombie nickte.
»Aber das muss nicht heißen, dass es der Abbeizer aus meinem Farbenlager war, oder?«
»Sie haben den Vorfall nicht bei der Polizei zu Protokoll gegeben?« Crombie blickte Markby unbehaglich an.
»Es waren nur ein paar Dosen. Ich führe Buch, wissen Sie? Man muss ein Auge auf die Dinge haben, damit die Leute nicht auf dumme Gedanken kommen. Man muss nicht beliebt sein«, wiederholte Crombie seinen Lieblingsspruch, »es reicht, wenn die Leute einen respektieren. Das sage ich immer. Ich habe kein großes Aufhebens um die Sache gemacht, weil … offen gestanden, wenn man mit so etwas an die Öffentlichkeit geht, bringt man häufig irgendwelche Witzbolde auf dumme Gedanken. Außerdem …« Er rutschte unruhig auf dem Sessel hin und her, und das Möbel knarrte erneut protestierend.
»Ich dachte mir, ich würde selbst nachforschen und herausfinden, wer es gewesen ist. Ich glaube nämlich – hören Sie, das muss unter uns bleiben, ganz privat!« Markby nickte.
»Es muss jemand gewesen sein, der für mich arbeitet. Auf dem Bauhof. Jemand, der wegen irgendetwas auf mich sauer ist. Ich habe jemanden im Verdacht, aber ich kann noch nichts beweisen. Ich hab ihn vor einer Weile wegen irgendetwas angeblafft, und ich schätze, er hat es mir krumm genommen und sich auf diese Weise rächen wollen. Ich hab ihn deswegen zur Rede gestellt, aber er streitet natürlich alles ab. Ich hab ihm gesagt, wenn er noch einmal Mist baut, kriegt er seine Papiere und kann verschwinden!«
»Und was macht Sie so sicher, dass es jemand war, der für Sie arbeitet?«
»Die Hunde haben nicht angeschlagen«, erwiderte Crombie einfach.
»Ich hab zwei Schäferhunde, die den Hof bewachen. Sie laufen nachts frei herum. Sie würden niemanden auf das Gelände lassen, den sie nicht kennen!«
Bevor Markby gehen durfte, machte Crombie sein Versprechen (seine Drohung?) wahr und führte Markby nach oben ins Zimmer seiner Tochter, um ihm ihre Trophäensammlung zu präsentieren.
»Sie hat wirklich eine Menge erreicht!«, räumte Markby bewundernd ein.
»Eine ganz bemerkenswerte Leistung. Sie müssen sehr stolz auf Ihre Tochter sein.« Er meinte es ehrlich. Die Pinnwand war übersät mit Rosetten und Abzeichen, die meisten davon rot.
Max nahm eine gerahmte Fotografie in die Hand.
»Das ist sie, an dem Tag, an dem sie ihr Pony bekam. Ich habe noch nie ein Kind gesehen, das so außer sich war vor Freude!«
Oder einen Vater, der so stolz war auf seine Tochter , dachte Markby, während er das strahlende Gesicht Crombies auf dem Foto betrachtete. Er bewunderte den Schnappschuss gebührend und gab ihn dann zurück.
Auf dem Weg nach unten wurde seine Aufmerksamkeit von einem anderen Bild geweckt, keine Fotografie, sondern ein Aquarell. Es hing in einem Korridor zur Rechten an der Wand, die auf dem Weg nach oben nicht im Blickfeld lag.
»Ah, was ist denn das?«, fragte er freundlich und ging uneingeladen ein paar Schritte in den Korridor, um das Gemälde zu bewundern. Max Crombie eilte verblüfft hinter ihm her.
»Ich interessiere mich sehr für Aquarelle«, sagte Markby leichthin, während er das Bild betrachtete.
»Eine Szene aus dieser Gegend, nicht wahr? Ich glaube, ich weiß sogar, wo diese Steine stehen.«
»Oh, die Steine«, sagte Crombie.
»Ja, sie stehen hier in der Nähe. Eine Sehenswürdigkeit, wie es offiziell so schön heißt.«
»Haben Sie es selbst gemalt?«
»Um Himmels willen, nein!« Crombie klang schockiert.
»Ein Freund von mir hat es gemalt. Er ist der Inhaber des Pubs. Ich hab ein paar Arbeiten für ihn ausgeführt, und er hat mir dieses Bild geschenkt. Wir haben zusammen die Schulbank gedrückt, wie es so schön heißt. Er war schon immer künstlerisch sehr begabt, schon damals in der Schule, der gute Mervyn.« Mr Crombie klatschte in die Hände.
»Nun, Chief, es war nett, sich mit Ihnen zu unterhalten, aber jetzt ruft die Pflicht. Ich muss zurück zum Bauhof. Sagten Sie nicht, Sie hätten ebenfalls eine Verabredung?« Markby verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und verabschiedete sich.
»Man könnte durchaus sagen, dass Nimrod so etwas wie mein Vertrauter ist«, erzählte Wynne Carter lächelnd. Sie beugte sich über ihr Haustier und kraulte ihm das Kinn.
»Wie dem auch sei, ich rede zu ihm, wenn ich alleine bin, und er … nun ja, auf seine Weise antwortet er mir. Ich wage zu behaupten, dass man jemanden wie mich früher einmal als Hexe verbrannt hätte. Genau wie Alan sagt.«
Wynne richtete sich auf und wandte sich vom Fenster ab. Sie trug wie immer ihre weite Hose, diesmal jedoch zusammen mit einem leuchtend gelben Sweatshirt.
Nimrod, der wie eine Sphinx auf der Fensterbank hockte, blinzelte einmal und sah aus, als hätte er ganz genau verstanden, was gesprochen wurde, ohne jedoch in irgendeiner Weise die Absicht einer Antwort zu hegen.
»Tagsüber schläft er meistens«, sagte seine Herrin.
»Nach einer Nacht auf Streifzügen durch die Gemeinde oder in seinem Fall über die Felder. Er mag es überhaupt nicht, des Nachts eingesperrt zu sein. Er heult ununterbrochen!«
Meredith betrachtete Nimrod, der an diesem Morgen ganz besonders zwielichtig aussah und durchaus den Anschein erweckte, als schwelgte er in zufriedenen Erinnerungen an eine lasterhafte Nacht.
»Haben Sie ihn schon von klein auf?«, fragte Meredith neugierig.
»Nein, eigentlich nicht. Er war schon ausgewachsen, als ich ihn fand. Nicht vollständig ausgewachsen, aber fast. Ein Halbstarker, sozusagen. Er saß verletzt in meinem Garten. Ich glaube, er hatte sich mit dem Schwanz in einer illegalen Falle verfangen. Eine Hälfte fehlte, und er war in einem schrecklichen Zustand. Ich brachte ihn zu Rory Armitage. Ärztliche Versorgung war das Wichtigste. Danach habe ich versucht, den Besitzer zu finden – vergebens. Er hat sich nie gemeldet. Ich habe überall im Dorf Zettel aufgehängt, und Rory hat sich umgehört, aber niemand wollte das Tier haben. Nimrod hat seinerseits in der Zwischenzeit beschlossen, bei mir zu bleiben. Er ist ein sehr geheimnisvoller Kater.« Nimrod kippte träge zur Seite und streckte sich. Aus seinen großen Pfoten glitten kurz die spitzen Krallen, doch sie verschwanden sogleich wieder. Die Sonne trat hinter einer Wolke hervor und tauchte seinen gescheckten Pelz durch das Glas der Fensterscheibe hindurch in ihr wärmendes, freundliches Licht.
»Ich habe in Bamford auch einen Kater wie diesen«, gestand Meredith.
»Er kommt und geht, wie er will. Ich weiß nicht, woher er gekommen ist, und ich weiß auch nicht, wohin er verschwindet, wenn er unterwegs ist. Er kommt zu mir, wenn ihm danach ist, bleibt eine Weile und macht sich dann wieder auf die Pirsch. Ich dachte, er wäre ein Streuner, doch inzwischen bin ich mir dessen gar nicht mehr so sicher. Ich vermute eher, er hat nicht nur ein Zuhause, sondern mehrere, die er nacheinander abklappert, bis ihm langweilig wird.«
»Vielleicht fahren seine Besitzer häufig in Urlaub oder sind sonst irgendwie außer Haus«, schlug Wynne vor.
»Manche Tierhalter sind erstaunlich rücksichtslos. Sie setzen ihre Katze vor die Tür, bevor sie wegfahren, selbst wenn sie wochenlang unterwegs sind, und erwarten, dass sie da sitzt, wenn sie zurückkehren, im gleichen Zustand wie bei ihrer Abreise.«
»Mrs Crouch, meine Nachbarin, kümmert sich um meinen Kater«, erwiderte Meredith für den Fall, dass Wynne eine versteckte Anspielung gemacht hatte. Die beiden Frauen saßen einige Minuten schweigend vor dem Kamin.
»Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht bin wegen dem, was Sie mir erzählt haben«, gestand Wynne nach einer Weile und wechselte wieder zu dem Thema, über das die beiden Frauen sich am Anfang ihres Gesprächs unterhalten hatten, bevor Nimrod hinzugekommen war. Meredith hatte beschlossen, Wynne von dem nächtlichen Feuer und dem Hexensabbat beim Stehenden Mann und seiner Frau zu berichten in der Hoffnung, dass Wynnes Gedächtnis einen Schubs bekam, doch sie hatte sich getäuscht. Wynne wusste nichts von derartigen Zusammenkünften.
»Ich habe noch nie Spuren von einem Hexensabbat oder irgendwelchen nächtlichen Ritualen in dieser Gegend gesehen«, sagte sie.
»Aber ich weiß, dass in den Cotswolds jede Menge Geschichten über Hexerei existieren. Es gibt eine Reihe von Flecken, die ganz besonders mit dem ›alten Glauben‹ in Verbindung stehen. Menschen kommen aus dem ganzen Land herbei, um Linien ins Gras zu zeichnen und dergleichen mehr.« Sie zögerte.
»Und dann gibt es da natürlich noch Sadie. Aber ich habe diesen Geschichten niemals besondere Aufmerksamkeit geschenkt.«
»Die Einheimischen glauben, Sadie Warren wäre eine Hexe?«
»Ganz bestimmt tun sie das. Zumindest haben sie sich entschlossen, auf der sicheren Seite zu bleiben und nicht Sadies Zorn auf sich zu ziehen. Ich persönlich empfinde sie als eine angenehme, freundliche Person. Sie ist ganz sicher eine intelligente Frau. Ich würde nicht sagen, dass sie verrückt ist. Exzentrisch, ja, vielleicht. Aber ganz bestimmt nicht verrückt. Andererseits, wo zieht man die Grenze? Die Welt ist voll von merkwürdigen Religionen und mehr oder weniger geheimen Gesellschaften. Manche Leute glauben immer noch, dass die Erde eine Scheibe ist oder dass wir in grauer Vorzeit von raumfahrenden Wesen besucht wurden oder dass die Welt irgendwann an einem bestimmten Datum untergeht, alle möglichen und unmöglichen Theorien habe ich bereits gehört! Wir tolerieren sie. Was auch immer es sein mag, woran Sadie glaubt, es ist ein sehr, sehr alter Glaube. Sie hat ihn gewiss nicht erfunden. Auf der anderen Seite beschleicht mich immer und immer wieder das eigenartige Gefühl, dass irgendetwas nicht richtig sein kann.« Wynne blickte Meredith ein wenig verlegen an.
»Man sollte wirklich meinen, dass ich eine erfahrene, weltoffene Person bin, die sich nicht so schnell durch Aberglauben ins Bockshorn jagen lässt, nicht wahr? Angesichts all meiner Jahre bei der Presse. Aber man stolpert von Zeit zu Zeit über verschiedene Dinge, die sich nicht so einfach erklären lassen.«
»Was nicht heißen muss, dass es keine natürliche Erklärung für sie gibt«, machte Meredith deutlich.
»Was halten Sie davon, wenn wir beide die Steine draußen besichtigen? Alan ist beim Doktor und bei dem örtlichen Bauunternehmer, und wir sehen uns erst zum Mittagessen wieder.« Vor Merediths Augen streifte Wynne Carter zwanzig Jahre Lebensalter ab und wurde wieder zu jener Zeitungsreporterin, die sie im Grunde ihres Herzens niemals aufgehört hatte zu sein. In ihrem Gesicht leuchtete Begeisterung.
»Was für eine wundervolle Idee!«, rief sie aus.
»Wir müssen sofort los, sonst wird die Spur zu kalt. Wir brauchen einen Reiseführer. Warten Sie, ich hab bestimmt irgendwo einen rumstehen.«
»Wozu brauchen wir denn so etwas?«, fragte Meredith verblüfft.
»Raison d’ être, meine Liebe, ganz einfach. Wir müssen doch einen Vorwand haben, damit unser Herumschnüffeln nicht so auffällt. Wir sind Touristinnen – oder wenigstens Sie sind eine, und ich zeige Ihnen ein wenig die Gegend.« Die Anthropophagen und Männer, deren Köpfe zwischen den Schultern sitzen … William Shakespeare
KAPITEL 13
Es war eine ganz andere Sache, am helllichten Morgen zu der prähistorischen Stelle zu fahren, als sie in der Dämmerung oder gar im Verlauf der Nacht zu besuchen. Sie hatten Wynnes Wagen genommen, und obwohl er bereits älter war und bei jedem Gangwechsel ein grauenhaftes Kratzen aus dem Getriebe kam, fuhr Wynne äußerst sportlich. So sportlich, dass Meredith froh war, als sie endlich die Haltebucht an der einsamen Landstraße erreicht hatten und Wynne den Motor abstellte.
»Da wären wir!«, sagte Wynne strahlend und stieg aus. Sie hatte den Reiseführer und Merediths Generalstabskarte in der Hand. Meredith hatte Mühe, mit Wynnes Tempo Schritt zu halten, während sie der älteren Frau die Böschung hinauf und über die Steinmauer mit der Zaunleiter folgte.
»Und Sie sind absolut sicher«, fragte Wynne, während sie zielstrebig den Steinen entgegeneilte, »Sie sind absolut sicher, dass Sie gestern Abend keine geparkten Autos gesehen haben?«
»Absolut. Ich weiß, es war dunkel, aber Alan und ich haben extra darauf geachtet.«
»Aber sie hatten Wagen. Sie müssen mit ihren Wagen hergekommen sein«, sagte Wynne fest überzeugt.
»Und das bedeutet, dass sie irgendwo einen sicher versteckten Parkplatz haben, der nicht so leicht zu finden ist. Wir müssen nach einem Komplizen Ausschau halten, Meredith, der hier irgendwo wohnt.«
»Aber hier wohnt niemand in der Nähe, Wynne.«
»Die Karte, meine Liebe, die Karte!« Wynne breitete die Generalstabskarte aus. Der Wind zerrte an dem dünnen Papier, und es bäumte sich in ihrer Hand auf und knisterte. Doch Wynne ließ sich nicht beeindrucken.
»Wir befinden uns jetzt hier, und dort liegt die Lower Edge Farm. Nur vierhundert Meter entfernt. Von dort aus könnten sie ganz leicht über die Felder laufen.« Es schien weit hergeholt, doch Meredith wollte Wynnes Begeisterung nicht vorzeitig dämpfen. Sie blickte sich um. Selbst jetzt, am helllichten Tag und trotz der Schafe auf dem Feld, war es sehr einsam hier. Die beiden Steine wirkten trostlos und beunruhigend.
»Wo war dieses Feuer?«, fragte Wynne. Sie fanden den schwarz verbrannten Fleck auf der Wiese. Nichts war vom Brennmaterial oder der Asche übrig geblieben, nicht ein einziges Stück verkohltes Holz.
»Sie haben aufgeräumt, bevor sie gegangen sind«, sagte Wynne. Sie durchstreifte die Wiese in konzentrischen Kreisen, und nach einer Weile rief sie Meredith zu sich.
»Hier, sehen Sie sich das an!« Sie hatte eine Stelle gefunden, wo offensichtlich früher einmal ein Feuer abgebrannt worden war. Gras und Kräuter wuchsen durch den geschwärzten Boden, doch die Stelle war trotzdem noch leicht vom umgebenden Erdreich zu unterscheiden.
»Nun wissen wir also, dass sie regelmäßig hierher kommen. Wir müssen zu dieser Farm. Von dort aus kann man die Flammen ganz bestimmt sehen, genau wie Sie und Alan das Feuer gestern Nacht bemerkt haben. Sie würden ein Feuer hier oben ganz bestimmt nicht ignorieren, und falls es regelmäßig abgebrannt wird, können sie es unmöglich übersehen haben! Sie müssen wissen, was hier vor sich geht!« Ein Schaf wanderte herbei und begann geräuschvoll neben Meredith zu grasen. Sie fragte sich, ob das Feld vielleicht zur Lower Edge Farm gehörte – und falls ja, würde der Farmer sicherlich höchst aufgebracht reagieren, wenn jemand ein Feuer darauf abbrannte. Zumindest dann, wenn er nicht mit den nächtlichen Besuchern unter einer Decke steckte. Doch niemand hatte die nächtlichen Tänzer gestört. Meredith hörte das Geräusch eines sich nähernden Fahrzeugs. Sie hob den Kopf und spähte zwischen den Bäumen hindurch hinunter zur Straße.
»So ein Mist!«, sagte sie.
»Die Polizei!« Der Streifenwagen näherte sich langsam über die Landstraße und hielt schließlich an. Zwei uniformierte Männer stiegen aus, sahen hinauf zu den beiden Frauen auf dem Feld und begannen eine lebhafte Diskussion. Dann stieg einer der Beamten wieder in den Wagen, während der zweite die Böschung hinauf und über die Mauer geklettert kam und sich über die Wiese näherte. Er war rothaarig und noch ziemlich jung, und als er heran war, bemerkte Meredith, dass er nervös war.
»Guten Morgen, die Damen«, begrüßte er die beiden Frauen.
»Guten Morgen, Officer!«, strahlte Wynne den Constable freundlich an. Es schien ihn wenig zu beruhigen.
»Dürfte ich erfahren, was Sie hier draußen tun?« Er räusperte sich.
»Sie befinden sich ein wenig abseits der Wege.« Wynne schwenkte munter den Reiseführer.
»Wir besuchen diesen äußerst interessanten historischen Ort. Wussten Sie denn nicht, dass es in Parsloe St. John so etwas gibt, Constable? Ich wohne hier in der Gemeinde, und diese Lady ist zu Besuch. Ich habe sie hergebracht, um ihr die Steine zu zeigen. Sie sind ein sehr bedeutendes prähistorisches Monument.« Er nahm seine Mütze ab und betrachtete Meredith eingehend. Er besaß die typische weiße, von Sommersprossen übersäte Haut der Rothaarigen. Sie lächelte ihn freundlich an. Er blieb ungerührt.
»Sie haben sonst niemanden hier gesehen, oder? Seit Sie hier sind?«
»Keine Menschenseele«, antwortete Meredith wahrheitsgemäß.
»Gibt es ein Problem, Constable?«, erkundigte sich Wynne liebenswürdig.
»Wir haben …« Der junge Beamte blickte hinunter zur Straße, wo sein Kollege im gemütlichen Wagen wartete.
»Wir haben einen Bericht erhalten, dass irgendwelche Leute hier draußen ein Feuer abbrennen. Das ist eine sehr gefährliche Geschichte.«
»Wir haben die verbrannte Stelle gefunden«, berichtete Wynne und schürzte missbilligend die Lippen.
»Wir waren einigermaßen überrascht, wie ich gestehen muss. Solch ein Risiko! Denken Sie nur, was mit diesen alten Steinen passieren könnte, wenn sie von einem großen Feuer eingeschlossen werden! Sie könnten platzen!« Er trat den Rückzug an. Er setzte seine Mütze wieder auf und zog sie gerade.
»Nun denn«, sagte er.
»Ich muss jetzt gehen …« Er zögerte.
»Falls Sie jemanden bemerken, der sich eigenartig verhält, informieren Sie uns unverzüglich, ja?« Wynne und Meredith versprachen es.
»Der arme junge Mann«, sagte Wynne kichernd, als der rothaarige Constable wieder eingestiegen war und der Streifenwagen sich in Bewegung gesetzt hatte.
»Er hatte eine Heidenangst davor, sich mit uns beiden anzulegen. Wir könnten schließlich moderne Hexen sein.«
»Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht, Wynne«, sagte Meredith.
»Trotzdem, vielleicht hätte ich ihm sagen sollen, dass ich eine der beiden Personen bin, die das Feuer gemeldet haben.« Wynne starrte Meredith schockiert an.
»Ganz bestimmt nicht, im Gegenteil! Sie hätten ihn nur noch mehr verwirrt. Außerdem hatte ich ihm bereits gesagt, Sie wären zu Besuch und ich würde Ihnen die Gegend zeigen.« Wynne hatte nicht Unrecht. Was Meredith einmal mehr darüber nachdenken ließ, dass es stets für Probleme sorgte, wenn man der Polizei gegenüber nicht völlig offen und ehrlich war. Die Besuchergeschichte hatte einigermaßen harmlos geklungen, doch wenn sie aus irgendwelchen Gründen gezwungen gewesen wäre, sie zu widerrufen, hätte es Misstrauen erweckt. Sie ging zu den beiden Steinen und blieb mit den Händen tief in den Hosentaschen davor stehen. Das Monument strahlte eine gewisse Faszination aus, kein Zweifel. Was hätte sie darum gegeben, die Geheimnisse der Steine zu erfahren – doch sie waren längst verloren.
»Wissen Sie, Wynne«, sagte sie unvermittelt, »ich bin gar nicht so sicher, ob diese Leute gestern Nacht, die um das Feuer getanzt sind, irgendeine uralte Tradition aufrechterhalten, die bis weit in die Geschichte reicht. Falls hier früher wirklich Rituale stattgefunden haben, dann weiß heutzutage bestimmt niemand mehr, was das für Rituale waren. Nur, dass sie irgendetwas mit Göttern zu tun hatten, so viel scheint festzustehen. Mir ist der Gedanke gekommen, dass die Leute gestern Nacht vielleicht einfach ein Ritual erfunden haben, das ihnen gefällt. Die alten Druiden – oder wer auch immer hier seine Zeremonien beging – wären vielleicht schockiert, wenn sie die modernen Mätzchen und Possen sehen könnten.«
»Diese Leute von gestern Nacht würden Ihnen auf eine diesbezügliche Frage hin bestimmt erzählen, dass sie ihre Rituale von anderen übernommen hätten«, sagte Wynne.
»Na und? Das bedeutet doch gar nichts. Haben Sie als Kind nie Stille Post gespielt? Man sitzt in einem Kreis, und ein Kind flüstert dem nächsten neben sich etwas zu. Das zweite Kind flüstert die Geschichte wiederum seinem Nachbarn zu, und so weiter. Wenn sie beim letzten Kind angekommen ist, steht es auf und erzählt sie laut, und es ist eine ganz andere Geschichte daraus geworden. Und genau das Gleiche denke ich von Sadies Geschichten. Vielleicht lautete ihr Inhalt irgendwann einmal ziemlich ähnlich, aber ich bin sicher, dass im Lauf der Jahrhunderte viel hinzugefügt oder weggelassen oder einfach falsch interpretiert wurde.«
»Man könnte einen interessanten Artikel darüber schreiben«, sinnierte Wynne, doch dann schüttelte sie den Kopf.
»Nein, das hat es schon gegeben.« Sie trat zu Meredith und betrachtete den Stehenden Mann.
»Wissen Sie, es mag Ihnen vielleicht spleenig erscheinen, aber ich muss sagen, diese Steine haben … irgendwie eine Aura. Oder ich für meinen Teil habe zu viel Fantasie.« Sie lachte ein wenig unsicher.
»Nein, ich bin ganz Ihrer Meinung. Diese Steine haben eine verborgene Macht. Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand versuchen sollte herauszufinden, was für eine Macht das ist. Ich bin nicht sicher, ob diese Tanzenden gestern Nacht nicht genau das getan haben. Ich habe so ein komisches Gefühl, als würde da etwas angerührt und aufgeweckt, das man besser schlafen lassen sollte.«
»Absolut, ja. Es ist nur …« Wynne fummelte an ihrem Knoten, und eine Nadel fiel heraus. Sie bückte sich, um sie aus dem Gras aufzuheben.
»Ihnen kann ich es sagen, Meredith, weil Sie es verstehen. Ich habe das Gefühl, als wäre es bereits aufgeweckt, als wäre der Geist in Parsloe St. John bereits aus der Flasche. Zuerst Olivias Pony, dann mein Blumenbeet, der Wagen vom armen Rory …« Sie seufzte.
»Es war immer so friedlich hier. Nie ist irgendetwas passiert. Und jetzt sieht es so aus, als wäre irgendjemand mit Vehemenz auf Unfug aus.«
»Es ist jedenfalls eine höchst moderne Hexe, die Abbeizer benutzt.«
»Oh, das habe ich nicht gemeint. Ich glaube nicht, dass der Vandalismus etwas mit Hexerei zu tun hat. Ich meine … und ich bin mir durchaus nicht sicher! Ich meine, im Dorf ist eine Bosheit, die ich vorher nie gespürt habe. Es gefällt mir nicht.« Wynne stockte, um schließlich mit umso mehr Schwung fortzufahren:
»Es gefällt mir überhaupt nicht! Es macht mir Angst! Irgendetwas wird geschehen, irgendetwas Schreckliches! Ich habe es nicht in einer Kristallkugel gesehen oder so, im Gegenteil – ich spüre es in meinen Journalistenknochen! Ich hatte schon immer eine Nase für eine Story, ob es nun um etwas ging, das bereits passiert ist, oder etwas, das jeden Augenblick geschehen wird. Wie man spürt, dass ein Gewitter oder ein Sturm aufzieht.« Sie redete sich in Rage, und Meredith beeilte sich, sie zu beschwichtigen.
»Alan stellt jedenfalls Nachforschungen im Dorf an.«
»Ja, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr mich das erleichtert.« Wynne fing sich wieder und lächelte Meredith an.
»Alan ist ein Mensch, der sehr starkes Vertrauen erweckt.« Sie wurde gleich wieder geschäftsmäßig.
»Gehen wir nun zur Lower Edge Farm oder nicht?«, fragte sie forsch.
»Nun, wo wir schon hier sind, warum nicht?« Meredith warf dem Stehenden Mann und seiner Frau einen letzten verstohlenen Blick zu, während sie sprach – für den Fall, dass er es nicht guthieß.
»Vielleicht bekommen wir ja tatsächlich einen Sturm. Einen richtigen, meine ich. Dieses heiße Wetter muss früher oder später eine Pause einlegen.«
Die Lower Edge Farm lag am Ende eines schmalen Feldwegs. Es war ein kleines, unaufgeräumtes Gehöft ohne jede Spur von Wohlstand. Das Farmhaus war alt und heruntergekommen, die Außengebäude baufällig. Der Hof war staubig, und ganz am hinteren Ende vor einer niedrigen Steinmauer stand ein alter Traktor geparkt, der so staubübersät war, dass er aussah, als wäre er in einen Sandsturm geraten. Ein Mann in Arbeitshosen und mit einer Stoffmütze auf dem Kopf arbeitete an der Maschine und blickte auf, als Wynnes Wagen über die Stangen eines Viehgatters rumpelte und auf dem Hof anhielt. Er unterbrach seine Arbeit und kam ihnen entgegen.
»Haben Sie sich verfahren?«, fragte er. Es klang nicht unfreundlich, jedoch auch nicht besonders erfreut. Meredith schätzte ihn auf ungefähr fünfzig, vielleicht auch jünger. Seine Haut war wettergegerbt und von tiefen Linien durchzogen, doch die lockigen Haare, die unter der Mütze hervorlugten, waren voll und schwarz. Er war vor dem Fahrerfenster stehen geblieben und beugte sich zu Wynne hinab. Wynne kurbelte die Scheibe nach unten und lächelte ihn freundlich an.
»Guten Morgen!« Sie öffnete die Tür, und er wich einen Schritt zurück. Meredith stieg auf der Beifahrerseite aus. Aus dem Gesicht des Mannes wich jede zurückhaltende Freundlichkeit, und unverhohlenes Misstrauen trat in seine Züge.
»Tut uns Leid, wenn wir Sie stören. Wir wollten fragen, ob das Feld mit den beiden prähistorischen Steinen zu Ihrem Land gehört?«
Der Farmer klopfte mit dem Griff des Schraubenziehers in eine Handfläche, während er zuerst die Fragestellerin und dann Meredith musterte, die am Wagen gelehnt stehen geblieben war.
»Nein, es liegt außerhalb unseres Besitzes.«
»Wir dachten, dass die Schafe vielleicht zu Ihnen gehören. Das hier ist die nächstgelegene Farm auf der Karte.« Sie hob die Hand, damit er die gefaltete Generalstabskarte sehen konnte.
Beim Anblick der Karte blinzelte er.
»Das ist wohl so, klar. Aber das bedeutet nicht, dass diese Steine auf unserem Land stehen, oder?«